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Der Einfluss der Seemächte
auf die Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts
3. Teil
Der Siebenjährige Krieg:
Der Quebec-Feldzug
Der Siebenjährige Krieg ist häufig nur als
Auseinandersetzung zwischen Friedrich von Preußen und Maria Theresia
von Österreich unter der Bezeichnung »Dritter Schlesischer Krieg«
bekannt. In Wirklichkeit war er ein Weltkrieg, der in
Mitteleuropa,
Nordamerika,
Indien, der
Karibik sowie auf den
Weltmeeren ausgefochten wurde. Für Großbritannien und Frankreich
ging es hierbei auch um die Herrschaft in Nordamerika und Indien.
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War Louisburg der Schlüssel zum St. Lorenz-Strom, dann konnte man Quebec
denjenigen zu Nordamerika nennen. Fast 1000 Meilen im Herzen des
Kontinents liegt Quebec dort, wo sich der St.-Lorenz-Strom zum großen,
den Gezeiten
unterworfenen Mündungsgebiet zu verbreitern beginnt. Im 18. Jahrhundert.
konnten die Küstenbatterien den Strom wohl oberhalb, nicht aber
unterhalb Quebecs beherrschen. Im Osten durch den reißenden
Montmorency-Fluss, im Westen durch ein klippenartiges Ufer geschützt,
hielt man die Felsbastionen der Oberen Stadt für so gut wie
uneinnehmbar. Quebec beherrschte den Oberlauf des St. Lorenz, die
natürliche Wasserstraße zu den Großen Seen und ins Landesinnere. Pitt
hatte hier eine politisch wichtige Beute erspäht, für die ihm kein Preis
zu hoch war. So wurde im Jahre 1759 ein Drei-Zangen-Angriff auf Quebec
zum Hauptziel der Briten in Übersee.

Die kanadische Provinz Québec liegt zwischen der Hudson
Bay und der Grenze
zu den Vereinigten Staaten von Amerika entlang des
Sankt-Lorenz-Stroms
Lord Amherst sollte mit 12 000 Mann von Süden angreifen, wobei er die Wasserstraße
des Champlain-Sees und Richelieu-Flusses benutzte, die später im
amerikanischen Revolutionskrieg und im Krieg von 1812 so
wichtig wurde. Zuerst mussten die französischen Vorposten
bei Fort Ticonderoga und Crown Point erobert werden. Eine kleinere
Streitmacht sollte Fort Niagara nehmen und sich Quebec vom Westen durch das St.-Lorenz-Tal nähern. Amphibische Kräfte
würden gleichzeitig von See her den Strom hinaufkommen und direkt gegen
Quebec operieren und die Stadt von Verstärkungen und Nachschub auf dem
Wasserweg abschneiden. Die Flotte bestand aus 26 Kampffahrzeugen, dazu
Hilfsschiffen und Transportern. An Bord waren 9200 Reguläre,
damals vielleicht die besten Soldaten der Welt. Das wichtigste aber war,
dass die Schiffe von Admiral Saunders und die Truppen von Generalmajor
Wolfe befehligt wurden, die zu den hervorragendsten Führungsoffizieren
in der Geschichte amphibischer Operationen gehören.
Der britische Feldzugsplan war gut durchdacht, und die Streitkräfte
waren nach damaligen Maßstäben des Kolonialkrieges höchst eindrucksvoll.
Die Franzosen waren durch eine verhängnisvolle Fehde zwischen dem
Marquis de Vaudreuil, dem Gouverneur von Französisch-Nordamerika, und
dem militärischen Befehlshaber, Marquis de Montcalm, zerstritten. Doch
Quebec war geographisch eine sehr starke Position; die Stadt lag
inmitten einer französischen Kolonie. Den Franzosen war es gelungen,
sich die Ergebenheit der meisten Indianer zu sichern, so lebte stromauf-
und stromab eine ihnen wohlgesinnte weiße und indianische Bevölkerung.
14 000
Mann und über 300 Kanonen verteidigten ihr Bollwerk, und Montcalm war
ein talentierter und erfahrener Befehlshaber, der sich gewiss nicht
durch primitive Kniffe täuschen lassen würde. Naturgegebene
Schwierigkeiten beim Vormarsch durch weglose Wildnis hätten auf jeden
Fall die aus dem Süden und Westen nach Kanada einrückenden Kolonnen
aufgehalten, aber lästige Guerillakämpfe kleiner französischer Gruppen,
verstärkt durch indianische Krieger, trugen dazu bei, dass keine dieser
britischen Abteilungen rechtzeitig genug eintreffen sollte, um Wolfe und
Saunders helfen zu können.

Karte «Neufrankreichs» von Samuel de Champlain
(Carte geographique de la Nouvelle France, 1612)
Der Admiral brachte inzwischen Wolfes Armee vor die Wälle der Stadt
Quebec.
Ein noch unbekannter Master der britischen Marine
(entspricht in etwa dem Steuermann) namens James Cook offenbarte hier
sein überragendes Talent als
Kartograf bei der Erkundung und
Vermessung des
Sankt-Lorenz-Stromes. Seine
präzisen Karten verhalfen den britischen Truppen im September 1759 vor
die Stadt Quebec zu gelangen. (Später sollte er u.a. zum berühmten
Erforscher der Südsee werden.)
Infolge bereits früher vorgenommener Erkundung durch das britische
Geschwader und mit widerwilliger Hilfe gefangener
französisch-kanadischer Lotsen führte Saunders seine Armada von mehr als
100 Seglern verlustlos das schwierige Fahrwasser hinauf. Er ließ außer
Reichweite der Kanonen von Quebec ankern. Nach Landung der Truppen von
den überladenen Transportern besetzte Wolfe zunächst eine unverteidigte,
niedrige Insel und lagerte an deren äußerster Westspitze. Dann schickte
er eine Abteilung zur Einnahme der schwach
verteidigten
Höhen von Point Levis und brachte dort schwere Geschütze zur Beschießung
der Unteren Stadt in Stellung. Die Belagerung Quebecs hatte
begonnen.
Louis Joseph de Montcalm-Gozon, Marquis de Saint-Véran (1712–1759),
Kommandeur der
französischen
Armee in
Kanada.
Er unterschätzte die Möglichkeiten der britischen Marine, den
Sankt-Lorenz-Strom
zu befahren, war auf eine Landung bei Québec nicht vorbereitet und wurde
von der britischen Invasion überrascht

Sir Charles Saunders (1715–1775),
Admiral der
Royal Navy während des
Siebenjährigen Krieges und später
Erster Lord der Admiralität. Er
kommandierte die Flotte, die
James Wolfe
1759 nach
Québec brachte.
Mehrmals versuchten die Franzosen, mit der Ebbe Brander
stromab treiben zu lassen, um die verankerten britischen Fahrzeuge zu
vernichten, aber der immer wache Saunders ließ nachts die Schiffsboote
flussauf patrouillieren, die ohne Mühe die brennenden Kähne mit Haken an
Land ziehen konnten. In der Regel begnügte Montcalm sich mit taktischer
Defensive und verließ sich darauf, dass seine eingegrabenen Soldaten am
ganzen Nordufer standhalten würden. Wolfe hingegen versuchte, durch
Überfälle und persönliche Erkundung eine schwache Stelle in Montcalms
Truppenverteilung zu finden; es schien keine zu geben. Der französische
Befehlshaber hatte in der durch starke Wälle geschützten Stadt nur eine
kleine Garnison gelassen, dafür sein Gros in Erdwerken postiert, die
sich auf den etwas vom Ufer entfernten Höhen vom St.-Charles-Fluss bis
zum Montmorency hinzogen. Der Unterlauf des St. Charles war durch zwei,
quer zum Fluss versenkte, armierte Prähme (kastenförmige,
flache Wasserfahrzeug für Arbeitszwecke)
gesichert. So war jedes zum Angriff geeignet scheinende Ufer geschützt.
Westlich der Stadt war das Flussufer nur eine einzige Klippe. Wo ein
einzelnes Boot hätte landen können, stand ein Posten, um sofort Alarm zu
geben. Eine bewegliche Truppe unter Montcalms tüchtigem Stellvertreter
de Bougainville operierte ebenfalls stromauf und konnte jede bedrohte
Feldwache verstärken.

Quebec: Blick auf Schloss und Hafenreede
(National Geographique)
Das schmale Fahrwasser oberhalb von Quebec verwehrte es Saunders,
seine schweren Schiffe weiter stromauf zu bringen, aber
Flachboote, Schaluppen, ja sogar Fregatten passierten nachts unter den
Kanonen der Stadt. Von ihnen aus wurden verschiedene Sondierungsvorstöße
gegen Stellungen auf dem Nordufer
unternommen, die einwandfrei bewiesen, dass die Franzosen aufpassten und
auf alles vorbereitet waren.
Nach reiflicher Abwägung aller Schwierigkeiten entschloss Wolfe sich zum
Hauptangriff auf den linken Feindflügel, dort wo er sich an den
Montmorency-Fluss lehnte. Demzufolge landete er zwei
Brigaden auf dem Ostufer, wobei er die Flussüberquerung durch einen
gleichzeitigen Frontalangriff aus Booten unterstützen wollte. Und der
Admiral half, den Plan zu vervollkommnen. Die vorgelagerten Untiefen und
Riffe konnten zwar im allgemeinen Fregatten daran hindern, zur wirksamen
Feuerunterstützung dicht genug ans Ufer zu laufen, wenn auch vielleicht ein
gutgeführtes Schiff das Fahrwasser hinauflaufen mochte, das die
Stromschnellen des Montmorency gebahnt hatten. Um aber dem linken und
mittleren Geschwader wenigstens ein Minimum an Artillerie zur
Unterstützung zu geben, improvisierte Saunders kleine Kanonenboote aus
flachgehenden Transportkähnen, sogenannte »Katzen«, die sich breitseits
so dicht wie möglich am Ufer aufsetzen sollten.

General James Wolfe
(Mezzotinto,
um 1776)
Am 31. Juli setzte Wolfe seinen Plan in die Tat um. Es war ein
gefährliches, fast verzweifeltes Glücksspiel, bei dem alles ohne den
kleinsten Versager ablaufen musste, sollte es ein Erfolg werden. So
etwas aber kommt bei amphibischen Unternehmungen nur sehr selten vor.
Tatsächlich wurde der Angriff auch ein Fehlschlag. Zwar liefen die Boote
tapfer und gut ausgerichtet an, setzten sich aber fast alle weit vom
Ufer entfernt auf Untiefen oder mussten sich den Weg durch wirre Kanäle
in den Schlammbänken suchen. Bei den als erste an Land gesetzten
Grenadierkompanien brach im verheerenden Feuer von den Höhen die
Disziplin zusammen, so dass sie die Feindlinie nur in kleinen Gruppen
angriffen, bevor sie aus den Booten oder von der Furt her unterstützt
werden konnten. Erst gegen Abend waren sie wieder abgeholt und neu
formiert. Ein schon lange drohender, nun aber losbrechender schwerer
Sturm hemmte jeden Schwung und durchnässte die Zündblättchen.
Kurz entschlossen entschied sich Wolfe für den Abbruch, bevor aus einer
Niederlage die Vernichtung wurde. Er evakuierte seine Truppen im
Feuerschutz von Saunders gestrandeten »Katzen« und der Fregatte
Centurion Unter Kriegsgeschrei stürzten die indianischen Verbündeten
der Franzosen von den Höhen herab, um die Verwundeten zu töten und die
Toten zu skalpieren. Nicht zu ersetzende 500 Mann hatte Wolfe am Ufer
zurücklassen müssen.
Von der
Höhe ihrer Schreibtische verurteilten
Militärwissenschaftler im Nachhinein den Montmorency-Angriff als eine
Fehlplanung. Er sei der falsche Einsatz einer schnell beweglichen
Seemacht gewesen, da er einen Frontalangriff
auf eine sorgfältig ausgebaute feste Stellung bedingte. Mochten die
Briten auch hoffen, die französische Flanke angreifen zu können, so habe
es sich doch nicht um eine exponierte Flanke gehandelt, da sie vom
reißenden Montmorency gesichert war, der nur an einer Stelle durchwatet
werden konnte. Dass die großen Schiffe keine wirksame Feuerunterstützung
geben konnten, sei ein ganz entscheidender Faktor gewesen; denn nur wenn
Artillerie vom Wasser her eben vor die landende Infanterie eine
vernichtende Sperre legen kann, werde der Frontalangriff auf einen
verteidigten Strand einige Aussicht auf Erfolg haben. Außerdem habe
Montcalm dank seiner inneren Linie sehr leicht Verstärkungen an jeden
bedrohten Punkt werfen können. Nur eine unter den Verteidigern
ausbrechende Panik oder ein schwerer Fehler Montcalms hätte den Briten
die Erreichung ihrer Ziele ermöglicht. Bei Abwägung des Risikos gegen
die Erfolgsaussichten habe alles gegen ein Unternehmen an dieser Stelle
gesprochen.
Wolfe aber sah damals keine Alternative. Von dem Gedanken an das
Rochefort-Fiasko gequält, zog er Tapferkeit und etwaigen Fehlschlag der
Tatenlosigkeit vor. Er schrieb an Pitt: »Der Wunsch, in
Übereinstimmung mit den Absichten des Königs zu handeln, bewog mich zu
diesem Versuch, in der Überzeugung. dass eine siegreiche Armee keine
Schwierigkeiten kennt.«
Bald darauf erkrankte Wolfe ernstlich am Fieber. Es sah ganz so aus, als
werde Saunders seine Schiffe aus dem Fluss zurückziehen müssen, bevor
der entscheidende Schlag geführt werden konnte. Jetzt wurden die
Führereigenschaften Wolfes auf die Probe gestellt. Er hatte einen kühnen
Streich erfolglos gewagt. Obwohl er doch nach Lage der Dinge der
Angreifer war, hatte er sich einem weit überlegenen Feind gegenüber
gesehen. Amherst hatte ihm nicht die Verstärkungen und den Ersatz
geschickt, die er glaubte erwarten zu dürfen. Wolfe, Saunders oder einer
ihrer maßgeblichen Untergebenen haben aber nie an Aufgabe gedacht haben,
solange sich ihnen noch irgendwelche Möglichkeiten boten. Noch während
Wolfe in Fieberdelierien lag, ließen seine Brigadeführer Boote stromauf
vorstoßen, um irgendwo eine schwache Stelle zu finden. Leicht beunruhigt
über eine etwaige Bedrohung seiner rechten Flanke, schickte Montcalm
3000 Mann der Garnison und von der Verteidigung des Montmorency-Flusses
zur Verstärkung von Bougainvilles Einsatzgruppe. Sie sollte bekanntlich
Kräfte an jeden bedrohten Punkt werfen und dadurch das ganze nördliche
Flussufer schützen. Jetzt verfügte Bougainville über fast 4000 Mann.

Im Juli 1759 landeten britische Truppen beim Montmorency-Wasserfall und
errichteten auf dem östlich gelegenen Hügel ein befestigtes Lager, von
dem Überreste erhalten geblieben sind. Nach einem Angriff der Franzosen
unter
General Montcalm,
der die Briten mehr als 400 Opfer kostete, mussten die britischen
Truppen unter
James Wolfe
ihre Stellungen aufgeben
Anfang September war Wolfe soweit gesund, dass er den Oberbefehl wieder
übernehmen konnte. Er brannte darauf, eine neue Angriffstaktik
auszuprobieren. Saunders sollte eine Landung beim alten Brückenkopf
vortäuschen, Wolfe aber würde überraschend bei der Anse du Foulon, einem
kleinen Bootslandeplatz kaum 1½ Meilen stromauf von den Stadtwällen,
einen Angriff versuchen. Die Unternehmung war für den Abend des 12.
September angesetzt. Saunders spielte seine Rolle gut, bombardierte die
in Trümmern liegende untere Stadt und das Beauport-Ufer aus allen Rohren
und ließ ostentativ Marineinfanterie und Matrosen in die Boote gehen,
als stehe eine neue Landung bevor. Mittlerweile lief in flachen Booten
eine starke Infanteriegruppe, unterstützt von Fregatten und Schaluppen,
mit der Flut stromauf, als solle weit oberhalb der Stadt Fuß gefasst
werden. In heller Mondnacht ließ Bougainville sein Gros am Ufer entlang
marschieren, um dieser deutlich erkennbaren Bewegung zu begegnen.

Louis Antoine de Bougainville
(Portrait von Jean-Pierre Franquel)
Aber im Augenblick des Gezeitenwechsels ruderten plötzlich die britischen
Boote mit aller Kraft stromab. Dank der Ebbe liefen sie Bougainvilles
erschöpfter Infanterie schnell davon. Das vorderste Boot schrammte kurz
vor Morgengrauen das Ufer am Fuß des schmalen Felspfades, der bei Anse
du FouIon einen steilen Abhang hinauf führte. Die leichte Infanterie
schwärmte hinauf und machte die Wachtposten nieder, ehe Alarm gegeben
werden konnten. Im Wettlauf mit der Zeit wurde die Truppe schnell an
Land gesetzt; die Boote jagten zurück, um Verstärkungen von Point Levis,
dem britischen Vorposten am anderen Ufer, zu holen. Als es heller Tag
war, hatte Wolfe 4500 Mann auf das Abraham-Plateau hinaufgezaubert und
in Sicht der Wälle Quebecs in Schlachtordnung aufmarschieren lassen.
Als Wolfe plötzlich fast unmittelbar vor den Stadttoren auftauchte und
Montcalm entsetzt feststellen musste, dass seine für nahezu vollkommen
gehaltene Verteidigung so leicht durchbrochen worden war, verließ ihn
erstmals seine sonstige Urteilsfähigkeit. Schließlich hätte er bequem
die sofort verfügbaren Truppen hinter die starken, einer Belagerung
gewachsenen Wälle zurückziehen können, und irgendwo im Westen stand
Bougainville mit fast 4000 zähen Männern. Bei ein wenig Geduld konnte
man dann einen Ausfall gleichzeitig mit einem Angriff Bougainvilles auf
die britische Nachhut unternehmen. Die Erfolgschancen hätten wohl kaum
auf seiten der unterlegenen und in einer starken Zange gepackten Briten
gelegen.
Montcalm aber wartete nicht. Bunt durcheinander ließ er seine Truppen
ausrücken, bildete im Vormarschieren eine Kampflinie und ließ das
Vorfeld durch Plänkler[1]
und Scharfschützen sichern. Die Briten warteten unerschüttert, während
sich die französischen Regulären unter Trommelschlag näherten. Ein
Sechspfünder, den ein paar Matrosen den Hügel hinaufgewuchtet hatten,
begann ein Schnellfeuer und mähte die weißblau gekleideten Franzosen
reihenweise nieder. Auf Reichweite der Handwaffen herangekommen,
eröffneten die wieder geschlossenen Reihen der Verteidiger Einzel- und
Kompaniefeuer. Die Briten erwiderten es nicht.

Tod von
General James Wolfe in der Schlacht auf der Abraham-Ebene
(Gemälde von Benjamin West)
Als die Franzosen nur noch knapp 30 Meter entfernt waren, zuckten die
Säbel der britischen Offiziere in die Höhe und senkten sich: »Feuer!«
Man weiß heute, dass diese überwältigende Salve Kanada für
Großbritannien gewonnen hat. Viele französischen Soldaten brachen im
Feuer zusammen. Während die Dudelsäcke der Hochländer wie laut und
unerschütterlich den Kampflärm übertönten, lud die britische Infanterie
blitzschnell und feuerte eine neue Salve, bevor sich der Feind von der
ersten erholt hatte. Schon begannen die Franzosen zu fliehen, schreiend
und entnervt flohen die demoralisierten Soldaten vor britischen
Bajonetten und schottischen Breitschwertern.
Montcalm war tödlich verwundet, seine beiden Stellvertreter waren
gefallen. Die Briten verloren ihren Generalquartiermeister und zwei
Brigadiere. Auch Wolfe wurde tödlich ge troffen, als er einen Angriff der Louisburg-Grenadiere anführte.
Die Stunde des Sieges erlebte er nicht mehr.
Der Tod von Louis Joseph Marquis de Montcalm
Der Befehl ging an Brigadier Townshend über, der die Truppen schleunigst
neu formierte. Unmittelbar darauf erschien im Rücken der Briten
Bougainvilles Streitmacht. Der Franzose aber hielt einen kampflosen
Rückzug für klüger. So rasch wie möglich legte Townshend einen
Belagerungsring um die Stadt und begann die mühsame Arbeit, Redouten zu
bauen und Kanonen in Stellung zu bringen. Sie war noch nicht weit
gediehen, als die Garnison die Hoffnungslosigkeit der Lage einsah und
kapitulierte.
Dieser bleibende Triumph der britischen Waffen setzt der hervorragenden
Zusammenarbeit zweier Waffengattungen ein Denkmal, wie es bis zum
zweiten Weltkrieg in den Militär- und Marineannalen sehr selten ist. Die
Einheit von Plan und Erfolg spiegelt sich in Townshends Bericht an Pitt,
in dem es heißt: »Ich würde den Admiralen und der Marine nicht gerecht,
würde ich bei dieser Gelegenheit nicht anerkennen, wie viel von unserem
Erfolg ihrer ständigen Hilfe und Unterstützung sowie der vorbildlichen
Übereinstimmung bei allen Operationen zu danken ist, und das unter den
ungewöhnlichen Schwierigkeiten, welche besonders die Natur dieses Landes
großen militärischen Operationen bietet, die keine Armee allein
bewältigen kann. Die ungeheure Arbeit im Interesse von Artillerie,
Vorräten und Proviant; die langen Wachen in den Booten; das
Bergaufziehen der Geschütze durch Matrosen, sogar in der Hitze des
Gefechts. So kurz meine Kommandodauer war, halte ich es doch für meine
Pflicht, für diese Zeit den großen Anteil der Marine an dem
erfolgreichen Feldzug anzuerkennen.«
Ereignisse in Indien
Wie Indien für den britischen ›Raja‹[2]
erobert wurde, das ist Legende geworden, und ihr entscheidendes Kapitel
wurde im Siebenjährigen Krieg geschrieben. Die Hauptstreiter auf diesem
Kriegsschauplatz waren die großen Handelsgesellschaften – die
französische und britische »Ostindien-Gesellschaft«, beide nahezu
souveräne Körperschaften mit eigenen Flotten und Heeren. Aber was bei
einem Erfolg als Preis winkte, war so offenkundig und bedeutend, dass
sich jede Gesellschaft die Hilfe königlicher Streitkräfte sichern
konnte. Der endliche Erfolg der Briten war teils einer leichten
Überlegenheit in indischen Gewässern, teils dem genialen Robert Clive,
dem Befehlshaber der Armee der »Ostindischen Gesellschaft«, teils der
Tüchtigkeit der Admirale der Royal Navy zuzuschreiben, anfangs der von
Charles Watson, nach dessen Tod 1757 der von Sir George Pocock.

Die Flagge der englischen
Ostindien-Kompanie 1600-1707
Der französische Seebefehlshaber, Comte d’Aché, war ein fähiger Taktiker,
den Pocock in mehreren Gefechten nicht entscheidend schlagen konnte.
Aber nach dem Fall von Chandernagor war d'Aché benachteiligt, weil er
nur in Mauritius, etwa 2000 sm jenseits des Indischen Ozeans, neu
ausrüsten konnte, während Pocock dies in Bombay tat, wo er auch in der
Zeit der Monsune lag. D'Aché bekam außerdem keine dringend benötigten
Verstärkungen und keinen Nachschub aus Frankreich.
Die Hauptphase des Seekriegs in Indien lag zwischen April 1758 und
Oktober 1759, als d'Aché mit seiner zerschossenen Flotte Indien
endgültig verließ. Zum ersten größeren Seegefecht kam es am 29. April
1758, als Pocock mit seinem Geschwader zum Entsatz von Fort St. David, einem britischen Stützpunkt an der Coromandelküste
im südöstlichen Indien, versegelte.[3]
Mit sieben Schiffen gelangte Pocock in Luv von d’Achés acht Schiffen und
versuchte den üblichen Angriff in Kiellinie. Seine drei letzten Schiffe
hinkten ohne Formation hinterher. Die Spitze litt unter dem
konzentrischen Feuer der Franzosen, als d’Aché halste und am britischen
Flaggschiff vorbeilief. Die Franzosen zogen sich zurück, als endlich die
britische Nachhut ihre Vorhut unterstützte. Aber was von dieser im Kampf
gewesen war, wies viel zu schwere Schäden in der Takelage auf, um eine
Verfolgung zu versuchen. Fort St. David musste sich französischen
Landstreitkräften ergeben.

Blick von »The King's Barracks«,
Fort St David
Gemälde von Francis Swain Ward, 1804)
Ein zweites Gefecht folgte unter ganz ähnlichen
Bedingungen und mit ähnlichem Ergebnis im August. Pocock suchte kühn den
Kampf und fühlte sich zu einem Gefecht in leichlanger Linie
verpflichtet. D’Aché nahm den Kampf nur zögernd an, der Tatsache
eingedenk, dass sein Gegner bessere logistische Hilfen besaß und Schäden
schneller reparieren konnte. Im übrigen führte er sein Geschwader
geschickt und parierte Pococks Angriffe.

Sir George Pocock (1706–1792),
britischer Admiral. In mehreren Seegefechten gelang es ihm während des
Siebenjähriger
Krieges 1758 und 1759 die Franzosen aus Indien zu vertreiben
Ein letztes größeres Gefecht fand im September 1759 nach dem Ende der
Monsune statt, als Pocock die Franzosen vor Pondicherry (heute
Puducherry) stellte. Nach recht langem Manövrieren nahmen d’Achés elf
Schiffe den Kampf gegen Pococks neun erneut auf. Wieder wurde es ein
konventioneller Kampf der Linien, aber auf kurze Entfernung und von
beiden Seiten ungewöhnlich heftig geführt. Die Briten verloren diesmal
569 Mann, die Franzosen etwa 1500 an Toten und Verwundeten. Auch diesmal
zogen sich die Franzosen zurück, und wiederum waren die britischen
Takelagen zu schwer beschädigt, als dass die Engländer die Schiffe
verfolgen konnten.
Jedes dieser Gefechte war taktisch unentschieden geblieben, und nur in
einem ging ein einziges französisches Schiff verloren, das anschließend
zur Rettung der Besatzung auf Land gesetzt werden musste. Alle Gefechte
besaßen große strategische Bedeutung; unter britischem Gesichtspunkt,
weil Clive den Krieg an Land gewann und weil Verstärkungen und Nachschub
aus Großbritannien unbegrenzt,– aus Frankreich aber nur unter großen
Schwierigkeiten ankamen. Pocock brauchte nur weiterhin die Seegebiete
rund um den Subkontinent zu behaupten, um schließlich den britischen
Sieg sicherzustellen. Und wirklich überließ d’Aché sofort dies ganze
Gebiet den Briten, vielleicht auch deshalb, weil ihm eine Verstärkung
des Feindgeschwaders um vier Schiffe gemeldet war. Auf der Halbinsel
nutzte Clive diese Überlegenheit zur See aus und vernichtete die
restlichen französischen Kräfte. Wenn auch Pondicherry und ein paar
kleinere Enklaven bei Friedensschluß zurückgegeben wurden, sollte Indien
doch im wesentlichen von nun an bis nach dem zweiten Weltkrieg britisch
bleiben.
Operationen in Westindien
In der Mitte des 18. Jh. erfreuten sich die Inseln im Karibischen Meer
einer großen wirtschaftlichen Bedeutung. Die Besitzer der
Zuckerplantagen gewannen enorme Vermögen. Abgesehen von Tee und Gewürzen
des Fernen Ostens lieferte Westindien tatsächlich dem europäischen Markt
fast alle tropischen Produkte. Auch als Käufer waren die Inseln beim
grausamen, aber einträglichen Sklavenhandel Afrikas von Wert. Die
folgenden Kapitel machen es klar, dass ihre Handelsbeziehungen mit den
13 englischen Kolonien an der nordamerikanischen Küste ebenfalls
bedeutend, wenn auch weitgehend ungesetzlich waren. In den
vorhergehenden Zeiten hatten viele der Antillen von Zeit zu Zeit durch
Kriege ihre Herren gewechselt. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges waren
jedoch folgende Besitzansprüche gewissermaßen sanktioniert: Spaniens auf
Kuba und Puerte Rico; Englands auf Jamaica, Antigua und Barbados;
Frankreichs auf Martinique und Guadeloupe. Auch die Niederlande hatten
ein paar kleinere Besitzungen: Curaçao, Aruba und die winzige Insel St. Eustatius, während Santo Domingo zwischen
Frankreich und Spanien geteilt war.
Weil »Raub von Zuckerinseln« im Seekrieg zur Gewohnheit geworden war,
ging der britische Premierminister Pitt bei erster Gelegenheit daran,
Frankreich aus seinen wertvollen karibischen Besitzungen zu vertreiben.
Dazu bewogen ihn – abgesehen von seiner Generallinie, ein Imperium zu
bauen – die Raubzüge der Freibeuter von Martinique und Guadeloupe aus.
Seit Kriegsbeginn hatten Piraten unter der britischen Schifffahrt in
jener Gegend gewütet, besonders dort, wo die Handelswege zu Durchfahrten
zwischen den Kleinen Antillen zusammenliefen.

Die Insel Martinique in der Karibik
Anfang 1759 geleitete der Kommodore Moore mit neun Linienschiffen und
einer Fregatte einen Truppentransport unter Generalmajor Hopson, einem
mutigen, aber ältlichen und kranken Veteranen, zum Angriff auf
Martinique. Die Operationen gegen Fort Royal und später gegen St. Pierre blieben aber ergebnislos, teils wegen
starker Abwehr, teils aber wegen einem langen Hin und Her, einem Mangel
an gründlicher Vorbereitung und schlechter Zusammenarbeit zwischen den
Stäben von Heer und Marine. Die Expedition wurde dann auf das schwächer
verteidigte Guadeloupe verlagert.

Die Beschiessung von St. Pierre auf der Insel Martinique durch britische
Kriegsschiffe
Obwohl sein Hauptberater in technischen Fragen Moore davon abriet,
bombardierte Hopson die Befestigungen der Hauptstadt Basse-Terre und
brachte die Küstenbatterien zum Schweigen. Ohne Widerstand konnten Stadt
und Forts besetzt werden. Im Inneren der Insel aber kämpften die
Franzosen weiter, und erst nach drei Monaten war ganz Guadeloupe in
britischer Hand. Generalmajor Barrington übernahm nach Hopsons Tod im
Februar den Befehl und bewies mehr Energie und Phantasie als sein
bisheriger Vorgesetzter. Obwohl er in der Minderzahl war, unternahm er
planmäßig kleine Angriffe, für die er Boote und kleine Fahrzeuge
benutzte, um von See her in den Rücken des Feindes zu kommen. Endlich
ergaben sich die Franzosen, leider einen Tag zu früh; denn am nächsten
Tat kam Entsatz unter Kommodore de Bompart, aber zu spät, um Barringtons
Erfolg noch zunichte zu machen.
Im Jahre 1760 erstürmten Kommodore Douglas und Lord Rollo die Insel
Dominica; 1762 nahm ein sehr starker Verband unter Admiral Rodney und
General Moncton nach drei Wochen Kampf Martinique. Gleichzeitig fiel
Grenada, und Kapitän Hervey wurde sofort nach St. Lucia entsandt, das genau wie St. Vincent sehr rasch in
britischer Hand war; ein großes Aufräumen also mit allen französischen
Besitzungen auf den Kleinen Antillen[4].
Spanien trat im Januar 1762 in den Krieg ein. Früher hätten die
vereinigten spanisch-französischen Flotten für England eine tödliche
Gefahr bedeutet, mittlerweile aber war die französische Flotte
zerstreut, und Spaniens Eingreifen bedeutete zu dieser Zeit für England
nur einen Glücksfall. Spaniens mit Schätzen beladene Konvois stellten
für die Schiffe der Royal Navy eine offene Einladung zur Plünderung dar,
und Spanien besaß in Westindien und im Fernen Osten enorm reiche
Kolonien.
Da England in Westindien bereits über Geschwader und Truppen verfügte,
wurde sofort eine Unternehmung gegen Havana in Gang gesetzt. Man hoffte,
mit Verstärkungen aus England und Amerika werde es möglich sein, dass
der Earl of Albemarle mindestens 15 000 kampffähige Leute gegen Spaniens Bastion im
Karibischen Meer führte. Admiral Sir George Pocock konnte über etwa 50
Kriegsschiffe, darunter 22 mit 60 und mehr Kanonen, verfügen. Mit den
Transportern und Hilfsschiffen würde sich die Flotte auf etwa 200 Segel
belaufen.
Pocock und Albemarle liefen mit einem kleinen Verband von England nach
Martinique, wo man die Expedition zusammenstellen wollte. Aber die
anderen Schiffe waren nicht eingetroffen, und der Admiral sah sich einer
schweren Entscheidung gegenüber. Sollte er sich mit Douglas bei Jamaika
treffen und den sicheren Handelsweg westlich von Kuba wählen oder seine
Flotte bei Kap St. Nicholas an der Windward-Passage konzentrieren –
zwischen Kuba und Santo Domingo –, um von dort im gewundenen und
schlecht vermessenen Old-Bahama-Kanal an der Nordküste Kubas
entlangzulaufen? Diese Route barg erhebliche Gefahren. Er nahm an, dass
ein überlegenes französisches Geschwader bei Kap Française an der
Nordküste von Santo Domingo liege. Im 600 sm langen, mit Riffen besäten
Bahama-Kanal konnte sich ein Sturm verheerend auswirken.

Haiti und die Winward-Passage
Kam er andererseits glücklich durch die wenig benutzte Passage, so hatte
er nicht nur das Überraschungsmoment für sich, sondern auch Zeit
gewonnen. Dann stand er zwischen den Franzosen bei Kap Française und der
spanischen Flotte in Havana und konnte so die Vereinigung beider
feindlicher Flotten verhindern. Zudem würde er früher mit den aus
Amerika erwarteten Transportern zusammentreffen.
Pocock kam zu der Ansicht, die Vorteile eines Sammelns bei Kap St. Nicholas
überwögen die Gefahren. Er sandte Nachricht an Hervey und Konteradmiral
Sir James Douglas, den Befehlshaber des Jamaica-Geschwaders. Dann lief
er mit seinem Konvoi nach Norden, durch die Mona-Passage zwischen Santo
Domingo und Puerto Rico und an der Küste von Santo Domingo entlang nach
Westen. Als er den Punkt erreicht hatte, an dem ihm ein Auslaufen der
Franzosen von Kap Française her bedrohlich werden konnte, blockierte
Hervey bereits mit sieben Linienschiffen die Reede.

Die Mona-Passage
Pocock wartete bei Kap St. Nicholas eine Woche auf Douglas. Als dessen
neun Schiffe auftauchten, begannen die Briten sogleich die schwierige
Fahrt durch den Old-Bahama-Kanal. Er hatte eingeborenen Lotsen an Bord,
aber die taugten nicht viel. Pocock schickte die Fregatte »Richmond«
unter Kapitän Elphinstone zum Ausloten voraus, und so kamen sie sicher
durch die gefährliche Passage. Nach einer Woche hatte die ganze
Streitmacht die Durchfahrt hinter sich und stand querab von Mantanzas,
noch eine Tagesreise von Havanna entfernt. Pocock hatte sein Spiel
gewonnen, und die
Überraschung der spanischen Garnison gelang.
Die falsche Sicherheit, in der sich
Don Juan de Prado Porto Carrero, der Generalkapitän, gewiegt hatte, war
verständlich. In 150 Jahren war Havanna nie erobert worden.
George
Elphinstone, 1. Viscount Keith
Der vom Land eingeschlossene Hafen war durch mächtige Befestigungen
geschützt, so dass man die Stadt das karibische Gibraltar nannte.
Sie liegt genau im Westen der Havanna Bucht, deren Einfahrt vom »Castillo
de la Punta« auf der Stadtseite und vom »Castillo del Morro« im Osten an
der Spitze des Vorgebirges flankiert wird, so dass die Bucht ganz von
Land eingeschlossen ist.
Am 6. Juni 1762 kamen die Briten vor dem Coximar-Fluss, 15 sm östlich
der Stadt, an, wo die sandige Bucht einen geeigneten Landungsplatz bot.
Pocock schoß hier die Blockhäuser zusammen und setzte Truppen an Land.
Dann bedrohte er die Stadt durch eine vorgetäuschte Landung westlich
davon. Hätte Albemarle den Vorteil der taktischen Überraschung voll
ausgenutzt, so hätte er Havanna ohne lange Belagerung im Handstreich
erobern können. Aber er war in der formalistischen Schule groß geworden
und zur Belagerung und notfalls Erstürmung des ›Castillo del Morro‹
entschlossen.
So litten die Mannschaften fast zwei Monate lang unter den Qualen eines
tropischen Sommers. Schiffsgeschütze wurden mühsam in ihre Stellungen
gebracht und auf Felsrücken mussten oberirdische Verschanzungen angelegt
werden. Im Feindfeuer begannen die Faschinen zu brennen. Auf der ganzen
Halbinsel gab es kein Wasser. Man musste es in Booten von der Flotte
herüberbringen und war stets zu wenig.
Die Spanier leisteten zähen Widerstand, aber sie machten Fehler. Trotz
der sehr starken Befestigungen beiderseits der eine halbe Meile breiten
Hafeneinfahrt versenkten sie drei ihrer Linienschiffe zur Sperrung des
Fahrwassers, wodurch sie die neun übrigen einschlossen und zugleich
Pocock die Verantwortung abnahmen, gegen ihr Auslaufen gewappnet zu
sein. So war Pococks Blockade nahezu überflüssig.
Wie häufig bei Unternehmungen in Westindien brachen auch jetzt
Krankheiten aus, besonders das Gelbe Fieber; ihm fielen weit mehr Leute
zum Opfer als durch Kampfhandlungen. Verstärkungen von Lord Amherst
trafen nur zögerlich ein, und im Juli sah es eine Zeitlang ganz nach
einem Fehlschlag der Expedition aus. Doch Albemarle, zwar kein
überragender Taktiker, besaß Zähigkeit. Schließlich stellten Pioniere
einen Tunnel unter den zur Küste gelegenen Wällen des »Morro« fertig,
eine Mine explodierte, und die Rotröcke schwärmten durch die schmale
Bresche. Schon nach Minuten hatten sie die Verteidiger in den Felsgängen
der Festung niedergemacht. Als der »Morro« in britischer Hand war,
musste sich auch die Stadt ergeben.
Nur wenige Eroberungen in einem der Krieg haben sich so umgehend
ausgezahlt wie die Einnahme von Havana. Spanien verlor ein Fünftel
seiner Flotte – fast alle Schiffe unbeschädigt. Mehr als 100 Stück
Artillerie und große Mengen sonstigen Kriegsmaterials und materieller
Werte, darunter Kisten mit Bargeld, fielen in britische Hand. Der
befehligende General und Admiral erhielten 122 000
Pfund Prisengeld![5]
Für die Havanna-Operation war die Flotte im Kampf und für logistische
Zwecke unentbehrlich. Wie Saunders bei Quebeck, so gab Pocock bei
Havanna kommenden Seebefehlshabern ein Beispiel selbstloser
Zusammenarbeit. Albemarle schrieb darüber: »Sir George Pocock und
Kommodore Keppel haben sich in ganz besonderer Weise hervorgetan. Ich
darf die Behauptung wagen, dass noch nie eine gemeinsame Unternehmung
harmonischer und mit größerem Eifer beider Teile durchgeführt worden
ist.«
Andere
Operationen
Weil die Beherrschung der Meere den Briten die fast uneingeschränkte Wahl
ließ, wo und wann sie kämpfen wollten, konnte Großbritannien nicht nur
jene großen Operationen durchführen, die den Kriegsausgang wesentlich
beeinflussten. Von Zeit zu Zeit konnte es auch einen Teil seiner Macht
für Nebenunternehmungen einsetzen, die nur unter kommerziellem
Gesichtspunkt wichtig waren oder vielleicht bei Friedensverhandlungen
seine Position ein wenig verbessern konnten. Ein Beispiel hierfür
liefert die Einnahme von Gorée, eine Niederlassung des französischen
Sklavenhandels am Golf von Guinea. Und 1760 nahm Pitt erneut ›Verbundene
Operationen‹ gegen die französische Küste auf, indem er eine
beträchtliche Streitmacht Belle Ile erobern ließ.

Insel Gorée, 1772
Im Jahre 1762 improvisierte eine Gruppe englischer Abenteurer eine
Expedition gegen Buenos Aires. Mit zwei von der britischen Regierung
gekauften Fregatten, zwei kleinen portugiesischen Kriegsschiffen und 500
portugiesischen Soldaten lief sie von Rio de Janeiro aus, um in Spaniens
riesiger Festlandskolonie einen Plünderungszug zu versuchen. Schlechte
Navigation im Mündungsgebiet des La Plata und kriegerische Fehlschläge
wurden der Unternehmung zum Verhängnis.
Den Schlussstein der britischen überseeischen Kriegführung bildete die
Manila-Expedition durch Truppen der »Ostindischen Gesellschaft« unter
Brigadier Draper und ein Geschwader von acht Schiffen unter Vizeadmiral
Cornish. Nach Beschießung und Belagerung fiel Manila nach kaum zwei
Wochen. Der Gouverneur übergab alle Philippinen-Inseln und kaufte Manila
mit vier Millionen spanischer Dollar frei. Da das Geschwader außerdem
die Acapulco-Galeone mit drei Millionen Dollar in Münzen und Barren
kaperte, kam das Prisengeld demjenigen bei der Eroberung Havannas
gleich.
Das Ende
des Krieges
Das verwickelte Gefüge europäischer Machtpolitik wandelte sich im
Endstadium des Siebenjährigen Krieges mit bestürzender Geschwindigkeit.
Als der siegreiche Friede fast schon in Sicht war, trat Pitt zurück,
weil das Kabinett seine Forderung nach sofortiger Kriegserklärung an
Spanien ablehnte.[6]
Spanien versuchte eine Invasion Portugals, das Englands alter
Verbündeter war. Sie wurde durch eine britische Flotte und ein
Expeditionskorps vereitelt. Lord Bute, Pitts engstirniger Nachfolger,
entfremdete sich Friedrich dem Großen und zerriß das Bündnis mit
Preußen. Die russische Zarin Elisabeth Petrowna, die Tochter Peter des
Großen, starb. Ihr Nachfolger wurde der halbidiotische Peter III.,
der bald bei einem von seiner Frau Katharina gelenkten Putsch ermordet
wurde. Katharina II. (»die Große«) wollte den Krieg nicht wieder
beginnen. Schweden trat aus der Großen Koalition aus. Frankreich und
Österreich, ohne Verbündete, fast erschöpft und ohne eine andere Wahl,
suchten um Frieden nach.

Allegorie auf den Frieden von Hubertusburg:
Friedrich August II.
von Sachsen führt Maria Theresia in die Arme Friedrichs, nachdem der
sächsische Kurfürst einen großen Teil der preußischen Kriegskosten
bezahlt hatte getreu nach dem Motte Friedrich des Grossen: »Sachsen
ist wie ein Mehlsack, egal wie oft man draufschlägt, es kommt immer noch
etwas heraus.«
Der Friede von Paris (1763) stellte den Höhepunkt von Großbritanniens »Old
Empire« dar. Die überall siegreichen Briten hätten sehr wohl mehr
verlangen können, als sie bekamen. Dabei fiel ihnen ohnehin der
Löwenanteil zu. Sie erhielten Kanada und erreichten die Abtretung
französischer Ansprüche auf das ganze Territorium östlich des
Mississippi. Damit legte Großbritannien, ohne es zu ahnen, die Grenzen
der Vereinigten Staaten fest, die 13 Jahre später ins Leben traten.
Ferner erhielt Großbritannien: von Frankreich Senegal; von Spanien
Florida im Austausch gegen Kuba. Und es bekam Menorca zurück.
Von den anderen Ländern erhielt Frankreich Belle Ile, Guadelupe,
Martinique, St. Lucia, Goree, die französischen Handelsniederlassungen
in Indien (Frankreich versprach, sie nicht zu befestigen) und die
kleinen Inseln Miquelon und St. Pierre zugesprochen. An Spanien fielen
Kuba und die Philippinen. Frankreich machte Spanien den Vertrag dadurch
annehmbarer, dass es ihm New Orleans und das Gebiet von Louisiana
abtrat, ein Imperium westlich des Mississippi, im Urzustand und in
seiner Ausdehnung noch gar nicht vermessen.
[1]
Für den Nahkampf ausgebildete Soldaten.
[2]
Raja, auch Radja oder Radscha: König.
[3]
Versegeln, allgemein: von einem Ort zu einem Zielpunkt segeln, die
Standortveränderung von Schiffen in Richtung eines Kurses und die
aus Zeit und Fahrt (Geschwindigkeit) gewonnene Distanz; heute auch
für „vom Kurs abkommen“.
[4]
Kleine Antillen (Inseln unter
dem Wind), von Kolumbus entdeckte Inselkette in Mittelamerika.
Dominica, im 17./18. Jh.
zwischen Briten und Franzosen umstritten; erst nach den
Napoleonischen Kriegen endgültig britisch; ab 1956 selbständige
Kolonie, seit 1978 unabhängige parlamentarische Republik im
Commonwealth. Martinique, 1674 französische Kronkolonie,
erhielt 1854 eine Verfassung mit innerer Autonomie; seit 1946
französisches Überseedepartement. Grenada, 1674 französische
Kronkolonie; ab 1762/63 britisch, erhielt 1974 die volle
Unabhängigkeit. St. Lucia und St. Vincent, kleine
Inselstaaten im Bereich der Westindischen Inseln.
[5]
Ein bezeichnendes Licht
auf die soziale Hierarchie des 18. Jh. wirft die Tatsache, dass der
Anteil eines Soldaten 4 Pfund 1 Shilling 8 Pennce, der eines
Vollmatrosen 4 Pfund. 14 Shilling 9 Pence betrug.
[6]
Pitts Rücktritt ist eine
Ironie, insofern sehr bald darauf die Ereignisse eine
Kriegserklärung ohnehin unvermeidlich
machten.
(Wird fortgesetzt)
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