Homepage       Ausgabe vom 1. Juli 2010  

 


 32teilige Strichrose, 1587 

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Der Einfluss der Seemächte
auf die Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts

 

3. Teil

Der Siebenjährige Krieg:

Der Quebec-Feldzug

 

Der Siebenjährige Krieg ist häufig nur als Auseinandersetzung zwischen Friedrich von Preußen und Maria Theresia von Österreich unter der Bezeichnung »Dritter Schlesischer Krieg« bekannt. In Wirklichkeit war er ein Weltkrieg, der in Mitteleuropa, Nordamerika, Indien, der Karibik sowie auf den Weltmeeren ausgefochten wurde. Für Großbritannien und Frankreich ging es hierbei auch um die Herrschaft in Nordamerika und Indien.

 

War Louisburg der Schlüssel zum St. Lorenz-Strom, dann konnte man Quebec denjenigen zu Nordamerika nennen. Fast 1000 Meilen im Herzen des Kontinents liegt Quebec dort, wo sich der St.-Lorenz-Strom zum großen, den Gezeiten unterworfenen Mündungsgebiet zu verbreitern beginnt. Im 18. Jahrhundert. konnten die Küstenbatterien den Strom wohl oberhalb, nicht aber unterhalb Quebecs beherrschen. Im Osten durch den reißenden Montmorency-Fluss, im Westen durch ein klippenartiges Ufer geschützt, hielt man die Felsbastionen der Oberen Stadt für so gut wie uneinnehmbar. Quebec beherrschte den Oberlauf des St. Lorenz, die natürliche Wasserstraße zu den Großen Seen und ins Landesinnere. Pitt hatte hier eine politisch wichtige Beute erspäht, für die ihm kein Preis zu hoch war. So wurde im Jahre 1759 ein Drei-Zangen-Angriff auf Quebec zum Hauptziel der Briten in Übersee.

 

 

Die kanadische Provinz Québec liegt zwischen der Hudson Bay und der Grenze zu den Vereinigten Staaten von Amerika entlang des Sankt-Lorenz-Stroms

 

 

Die kanadische Provinz Québec liegt zwischen der Hudson Bay und der Grenze

zu den Vereinigten Staaten von Amerika entlang des Sankt-Lorenz-Stroms

 

Lord Amherst sollte mit 12 000 Mann von Süden angreifen, wobei er die Wasserstraße des Champlain-Sees und Richelieu-Flusses benutzte, die später im amerikanischen Revolutionskrieg und im Krieg von 1812 so wichtig wurde. Zuerst mussten die französischen Vorposten bei Fort Ticonderoga und Crown Point erobert werden. Eine kleinere Streitmacht sollte Fort Niagara nehmen und sich Quebec vom Westen durch das St.-Lorenz-Tal nähern. Amphibische Kräfte würden gleichzeitig von See her den Strom hinaufkommen und direkt gegen Quebec operieren und die Stadt von Verstärkungen und Nachschub auf dem Wasserweg abschneiden. Die Flotte bestand aus 26 Kampffahrzeugen, dazu Hilfsschiffen und Transportern. An Bord waren 9200 Reguläre, damals vielleicht die besten Soldaten der Welt. Das wichtigste aber war, dass die Schiffe von Admiral Saunders und die Truppen von Generalmajor Wolfe befehligt wurden, die zu den hervorragendsten Führungsoffizieren in der Geschichte amphibischer Operationen gehören.

Der britische Feldzugsplan war gut durchdacht, und die Streitkräfte waren nach damaligen Maßstäben des Kolonialkrieges höchst eindrucksvoll. Die Franzosen waren durch eine verhängnisvolle Fehde zwischen dem Marquis de Vaudreuil, dem Gouverneur von Französisch-Nordamerika, und dem militärischen Befehlshaber, Marquis de Montcalm, zerstritten. Doch Quebec war geographisch eine sehr starke Position; die Stadt lag inmitten einer französischen Kolonie. Den Franzosen war es gelungen, sich die Ergebenheit der meisten Indianer zu sichern, so lebte stromauf- und stromab eine ihnen wohlgesinnte weiße und indianische Bevölkerung. 14
 000 Mann und über 300 Kanonen verteidigten ihr Bollwerk, und Montcalm war ein talentierter und erfahrener Befehlshaber, der sich gewiss nicht durch primitive Kniffe täuschen lassen würde. Naturgegebene Schwierigkeiten beim Vormarsch durch weglose Wildnis hätten auf jeden Fall die aus dem Süden und Westen nach Kanada einrückenden Kolonnen aufgehalten, aber lästige Guerillakämpfe kleiner französischer Gruppen, verstärkt durch indianische Krieger, trugen dazu bei, dass keine dieser britischen Abteilungen rechtzeitig genug eintreffen sollte, um Wolfe und Saunders helfen zu können.

Karte «Neufrankreichs» von Samuel de Champlain (Carte geographique de la Nouvelle France, 1612)

 

Karte «Neufrankreichs» von Samuel de Champlain

(Carte geographique de la Nouvelle France, 1612)

 

Der Admiral brachte inzwischen Wolfes Armee vor die Wälle der Stadt Quebec. Ein noch unbekannter Master der britischen Marine (entspricht in etwa dem Steuermann) namens James Cook offenbarte hier sein überragendes Talent als Kartograf bei der Erkundung und Vermessung des Sankt-Lorenz-Stromes. Seine präzisen Karten verhalfen den britischen Truppen im September 1759 vor die Stadt Quebec zu gelangen. (Später sollte er u.a. zum berühmten Erforscher der Südsee werden.) Infolge bereits früher vorgenommener Erkundung durch das britische Geschwader und mit widerwilliger Hilfe gefangener französisch-kanadischer Lotsen führte Saunders seine Armada von mehr als 100 Seglern verlustlos das schwierige Fahrwasser hinauf. Er ließ außer Reichweite der Kanonen von Quebec ankern. Nach Landung der Truppen von den überladenen Transportern besetzte Wolfe zunächst eine unverteidigte, niedrige Insel und lagerte an deren äußerster Westspitze. Dann schickte er eine Abteilung zur Einnahme der schwach Louis Joseph de Montcalm-Gozon, Marquis de Saint-Véran (1712–1759), Kommandeur der französischen Armee in Kanada. Er unterschätzte die Möglichkeiten der britischen Marine, den Sankt-Lorenz-Strom zu befahren, war auf eine Landung bei Québec nicht vorbereitet und wurde von der britischen Invasion überraschtverteidigten Höhen von Point Levis und brachte dort schwere Geschütze zur Beschießung der Unteren Stadt in Stellung. Die Belagerung Quebecs hatte begonnen.

 

Louis Joseph de Montcalm-Gozon, Marquis de Saint-Véran (17121759), Kommandeur der französischen Armee in Kanada. Er unterschätzte die Möglichkeiten der britischen Marine, den Sankt-Lorenz-Strom zu befahren, war auf eine Landung bei Québec nicht vorbereitet und wurde von der britischen Invasion überrascht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sir Charles Saunders (1715–1775), Admiral der Royal Navy während des Siebenjährigen Krieges und später Erster Lord der Admiralität. Er kommandierte die Flotte, die James Wolfe 1759 nach Québec brachte

 

 

 

 

 

 

 

 

Sir Charles Saunders (17151775), Admiral der Royal Navy während des Siebenjährigen Krieges und später Erster Lord der Admiralität. Er kommandierte die Flotte, die James Wolfe 1759 nach Québec brachte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehrmals versuchten die Franzosen, mit der Ebbe Brander stromab treiben zu lassen, um die verankerten britischen Fahrzeuge zu vernichten, aber der immer wache Saunders ließ nachts die Schiffsboote flussauf patrouillieren, die ohne Mühe die brennenden Kähne mit Haken an Land ziehen konnten. In der Regel begnügte Montcalm sich mit taktischer Defensive und verließ sich darauf, dass seine eingegrabenen Soldaten am ganzen Nordufer standhalten würden. Wolfe hingegen versuchte, durch Überfälle und persönliche Erkundung eine schwache Stelle in Montcalms Truppenverteilung zu finden; es schien keine zu geben. Der französische Befehlshaber hatte in der durch starke Wälle geschützten Stadt nur eine kleine Garnison gelassen, dafür sein Gros in Erdwerken postiert, die sich auf den etwas vom Ufer entfernten Höhen vom St.-Charles-Fluss bis zum Montmorency hinzogen. Der Unterlauf des St. Charles war durch zwei, quer zum Fluss versenkte, armierte Prähme (kastenförmige, flache Wasserfahrzeug für Arbeitszwecke) gesichert. So war jedes zum Angriff geeignet scheinende Ufer geschützt. Westlich der Stadt war das Flussufer nur eine einzige Klippe. Wo ein einzelnes Boot hätte landen können, stand ein Posten, um sofort Alarm zu geben. Eine bewegliche Truppe unter Montcalms tüchtigem Stellvertreter de Bougainville operierte ebenfalls stromauf und konnte jede bedrohte Feldwache verstärken.

Quebec: Blick auf Schloss und Hafenreede (National Geographique)

 

Quebec: Blick auf Schloss und Hafenreede (National Geographique)

 

Das schmale Fahrwasser oberhalb von Quebec verwehrte es Saunders, seine schweren Schiffe weiter stromauf zu bringen, aber Flachboote, Schaluppen, ja sogar Fregatten passierten nachts unter den Kanonen der Stadt. Von ihnen aus wurden verschiedene Sondierungsvorstöße gegen Stellungen auf dem Nordufer unternommen, die einwandfrei bewiesen, dass die Franzosen aufpassten und auf alles vorbereitet waren.

Nach reiflicher Abwägung aller Schwierigkeiten entschloss Wolfe sich zum Hauptangriff auf den linken Feindflügel, dort wo er sich an den
Montmorency-Fluss lehnte. Demzufolge landete er zwei Brigaden auf dem Ostufer, wobei er die Flussüberquerung durch einen gleichzeitigen Frontalangriff aus Booten unterstützen wollte. Und der Admiral half, den Plan zu vervollkommnen. Die vorgelagerten Untiefen und Riffe konnten zwar im allgemeinen Fregatten daran hindern, zur wirksamen Feuerunterstützung dicht genug ans Ufer zu laufen, wenn auch vielleicht ein gutgeführtes Schiff das Fahrwasser hinauflaufen mochte, das die Stromschnellen des Montmorency gebahnt hatten. Um aber dem linken und mittleren Geschwader wenigstens ein Minimum an Artillerie zur Unterstützung zu geben, improvisierte Saunders kleine Kanonenboote aus flachgehenden Transportkähnen, sogenannte »Katzen«, die sich breitseits so dicht wie möglich am Ufer aufsetzen sollten.

General James Wolfe (Mezzotinto, um 1776)

 

 

 

 

 

 

 

General James Wolfe
(Mezzotinto, um 1776)

 

 

 

Am 31. Juli setzte Wolfe seinen Plan in die Tat um. Es war ein gefährliches, fast verzweifeltes Glücksspiel, bei dem alles ohne den kleinsten Versager ablaufen musste, sollte es ein Erfolg werden. So etwas aber kommt bei amphibischen Unternehmungen nur sehr selten vor. Tatsächlich wurde der Angriff auch ein Fehlschlag. Zwar liefen die Boote tapfer und gut ausgerichtet an, setzten sich aber fast alle weit vom Ufer entfernt auf Untiefen oder mussten sich den Weg durch wirre Kanäle in den Schlammbänken suchen. Bei den als erste an Land gesetzten Grenadierkompanien brach im verheerenden Feuer von den Höhen die Disziplin zusammen, so dass sie die Feindlinie nur in kleinen Gruppen angriffen, bevor sie aus den Booten oder von der Furt her unterstützt werden konnten. Erst gegen Abend waren sie wieder abgeholt und neu formiert. Ein schon lange drohender, nun aber losbrechender schwerer Sturm hemmte jeden Schwung und durchnässte die Zündblättchen.

Kurz entschlossen entschied sich Wolfe für den Abbruch, bevor aus einer Niederlage die Vernichtung wurde. Er evakuierte seine Truppen im Feuerschutz von Saunders gestrandeten »Katzen« und der Fregatte Centurion Unter Kriegsgeschrei stürzten die indianischen Verbündeten der Franzosen von den Höhen herab, um die Verwundeten zu töten und die Toten zu skalpieren. Nicht zu ersetzende 500 Mann hatte Wolfe am Ufer zurücklassen müssen.

Von der
Höhe ihrer Schreibtische verurteilten Militärwissenschaftler im Nachhinein den Montmorency-Angriff als eine Fehlplanung. Er sei der falsche Einsatz einer schnell beweglichen Seemacht gewesen, da er einen Frontalangriff auf eine sorgfältig ausgebaute feste Stellung bedingte. Mochten die Briten auch hoffen, die französische Flanke angreifen zu können, so habe es sich doch nicht um eine exponierte Flanke gehandelt, da sie vom reißenden Montmorency gesichert war, der nur an einer Stelle durchwatet werden konnte. Dass die großen Schiffe keine wirksame Feuerunterstützung geben konnten, sei ein ganz entscheidender Faktor gewesen; denn nur wenn Artillerie vom Wasser her eben vor die landende Infanterie eine vernichtende Sperre legen kann, werde der Frontalangriff auf einen verteidigten Strand einige Aussicht auf Erfolg haben. Außerdem habe Montcalm dank seiner inneren Linie sehr leicht Verstärkungen an jeden bedrohten Punkt werfen können. Nur eine unter den Verteidigern ausbrechende Panik oder ein schwerer Fehler Montcalms hätte den Briten die Erreichung ihrer Ziele ermöglicht. Bei Abwägung des Risikos gegen die Erfolgsaussichten habe alles gegen ein Unternehmen an dieser Stelle gesprochen.

Wolfe aber sah damals keine Alternative. Von dem Gedanken an das Rochefort-Fiasko gequält, zog er Tapferkeit und etwaigen Fehlschlag der Tatenlosigkeit vor. Er schrieb an Pitt: »Der Wunsch, in Übereinstimmung mit den Absichten des Königs zu handeln, bewog mich zu diesem Versuch, in der Überzeugung. dass eine siegreiche Armee keine Schwierigkeiten kennt.«

Bald darauf erkrankte Wolfe ernstlich am Fieber. Es sah ganz so aus, als werde Saunders seine Schiffe aus dem Fluss zurückziehen müssen, bevor der entscheidende Schlag geführt werden konnte. Jetzt wurden die Führereigenschaften Wolfes auf die Probe gestellt. Er hatte einen kühnen Streich erfolglos gewagt. Obwohl er doch nach Lage der Dinge der Angreifer war, hatte er sich einem weit überlegenen Feind gegenüber gesehen. Amherst hatte ihm nicht die Verstärkungen und den Ersatz geschickt, die er glaubte erwarten zu dürfen. Wolfe, Saunders oder einer ihrer maßgeblichen Untergebenen haben aber nie an Aufgabe gedacht haben, solange sich ihnen noch irgendwelche Möglichkeiten boten. Noch während Wolfe in Fieberdelierien lag, ließen seine Brigadeführer Boote stromauf vorstoßen, um irgendwo eine schwache Stelle zu finden. Leicht beunruhigt über eine etwaige Bedrohung seiner rechten Flanke, schickte Montcalm 3000 Mann der Garnison und von der Verteidigung des Montmorency-Flusses zur Verstärkung von Bougainvilles Einsatzgruppe. Sie sollte bekanntlich Kräfte an jeden bedrohten Punkt werfen und dadurch das ganze nördliche Flussufer schützen. Jetzt verfügte Bougainville über fast 4000 Mann.

 

Im Juli 1759 landeten britische Truppen beim Montmorency-Wasserfall und errichteten auf dem östlich gelegenen Hügel ein befestigtes Lager, von dem Überreste erhalten geblieben sind. Nach einem Angriff der Franzosen unter General Montcalm, der die Briten mehr als 400 Opfer kostete, mussten die britischen Truppen unter James Wolfe ihre Stellungen aufgeben

 

Im Juli 1759 landeten britische Truppen beim Montmorency-Wasserfall und errichteten auf dem östlich gelegenen Hügel ein befestigtes Lager, von dem Überreste erhalten geblieben sind. Nach einem Angriff der Franzosen unter General Montcalm, der die Briten mehr als 400 Opfer kostete, mussten die britischen Truppen unter James Wolfe ihre Stellungen aufgeben

 

Anfang September war Wolfe soweit gesund, dass er den Oberbefehl wieder übernehmen konnte. Er brannte darauf, eine neue Angriffstaktik auszuprobieren. Saunders sollte eine Landung beim alten Brückenkopf vortäuschen, Wolfe aber würde überraschend bei der Anse du Foulon, einem kleinen Bootslandeplatz kaum 1½ Meilen stromauf von den Stadtwällen, einen Angriff versuchen. Die Unternehmung war für den Abend des 12. September angesetzt. Saunders spielte seine Rolle gut, bombardierte die in Trümmern liegende untere Stadt und das Beauport-Ufer aus allen Rohren und ließ ostentativ Marineinfanterie und Matrosen in die Boote gehen, als stehe eine neue Landung bevor. Mittlerweile lief in flachen Booten eine starke Infanteriegruppe, unterstützt von Fregatten und Schaluppen, mit der Flut stromauf, als solle weit oberhalb der Stadt Fuß gefasst werden. In heller Mondnacht ließ Bougainville sein Gros am Ufer entlang marschieren, um dieser deutlich erkennbaren Bewegung zu begegnen.

 

Louis Antoine de Bougainville

 

 

 

 

 

Louis Antoine de Bougainville
(Portrait von Jean-Pierre Franquel)

 

 

 

 

Aber im Augenblick des Gezeitenwechsels ruderten plötzlich die britischen Boote mit aller Kraft stromab. Dank der Ebbe liefen sie Bougainvilles erschöpfter Infanterie schnell davon. Das vorderste Boot schrammte kurz vor Morgengrauen das Ufer am Fuß des schmalen Felspfades, der bei Anse du FouIon einen steilen Abhang hinauf führte. Die leichte Infanterie schwärmte hinauf und machte die Wachtposten nieder, ehe Alarm gegeben werden konnten. Im Wettlauf mit der Zeit wurde die Truppe schnell an Land gesetzt; die Boote jagten zurück, um Verstärkungen von Point Levis, dem britischen Vorposten am anderen Ufer, zu holen. Als es heller Tag war, hatte Wolfe 4500 Mann auf das Abraham-Plateau hinaufgezaubert und in Sicht der Wälle Quebecs in Schlachtordnung aufmarschieren lassen.

Als Wolfe plötzlich fast unmittelbar vor den Stadttoren auftauchte und Montcalm entsetzt feststellen musste, dass seine für nahezu vollkommen gehaltene Verteidigung so leicht durchbrochen worden war, verließ ihn erstmals seine sonstige Urteilsfähigkeit. Schließlich hätte er bequem die sofort verfügbaren Truppen hinter die starken, einer Belagerung gewachsenen Wälle zurückziehen können, und irgendwo im Westen stand Bougainville mit fast 4000 zähen Männern. Bei ein wenig Geduld konnte man dann einen Ausfall gleichzeitig mit einem Angriff Bougainvilles auf die britische Nachhut unternehmen. Die Erfolgschancen hätten wohl kaum auf seiten der unterlegenen und in einer starken Zange gepackten Briten gelegen.

Montcalm aber wartete nicht. Bunt durcheinander ließ er seine Truppen ausrücken, bildete im Vormarschieren eine Kampflinie und ließ das Vorfeld durch Plänkler[1] und Scharfschützen sichern. Die Briten warteten unerschüttert, während sich die französischen Regulären unter Trommelschlag näherten. Ein Sechspfünder, den ein paar Matrosen den Hügel hinaufgewuchtet hatten, begann ein Schnellfeuer und mähte die weißblau gekleideten Franzosen reihenweise nieder. Auf Reichweite der Handwaffen herangekommen, eröffneten die wieder geschlossenen Reihen der Verteidiger Einzel- und Kompaniefeuer. Die Briten erwiderten es nicht.

 

 

Tod von General James Wolfe in der Schlacht auf der Abraham-Ebene (Gemälde von Benjamin West)

 

Tod von General James Wolfe in der Schlacht auf der Abraham-Ebene

(Gemälde von Benjamin West)

 

 

Als die Franzosen nur noch knapp 30 Meter entfernt waren, zuckten die Säbel der britischen Offiziere in die Höhe und senkten sich: »Feuer!« Man weiß heute, dass diese überwältigende Salve Kanada für Großbritannien gewonnen hat. Viele französischen Soldaten brachen im Feuer zusammen. Während die Dudelsäcke der Hochländer wie laut und unerschütterlich den Kampflärm übertönten, lud die britische Infanterie blitzschnell und feuerte eine neue Salve, bevor sich der Feind von der ersten erholt hatte. Schon begannen die Franzosen zu fliehen, schreiend und entnervt flohen die demoralisierten Soldaten vor britischen Bajonetten und schottischen Breitschwertern.

Montcalm war tödlich verwundet, seine beiden Stellvertreter waren gefallen. Die Briten verloren ihren Generalquartiermeister und zwei Brigadiere. Auch Wolfe wurde tödlich ge
Der Tod von Louis Joseph Marquis de Montcalmtroffen, als er einen Angriff der Louisburg-Grenadiere anführte. Die Stunde des Sieges erlebte er nicht mehr.

 

 

 

Der Tod von Louis Joseph Marquis de Montcalm

 

Der Befehl ging an Brigadier Townshend über, der die Truppen schleunigst neu formierte. Unmittelbar darauf erschien im Rücken der Briten Bougainvilles Streitmacht. Der Franzose aber hielt einen kampflosen Rückzug für klüger. So rasch wie möglich legte Townshend einen Belagerungsring um die Stadt und begann die mühsame Arbeit, Redouten zu bauen und Kanonen in Stellung zu bringen. Sie war noch nicht weit gediehen, als die Garnison die Hoffnungslosigkeit der Lage einsah und kapitulierte.

Dieser bleibende Triumph der britischen Waffen setzt der hervorragenden Zusammenarbeit zweier Waffengattungen ein Denkmal, wie es bis zum zweiten Weltkrieg in den Militär- und Marineannalen sehr selten ist. Die Einheit von Plan und Erfolg spiegelt sich in Townshends Bericht an Pitt, in dem es heißt: »Ich würde den Admiralen und der Marine nicht gerecht, würde ich bei dieser Gelegenheit nicht anerkennen, wie viel von unserem Erfolg ihrer ständigen Hilfe und Unterstützung sowie der vorbildlichen Übereinstimmung bei allen Operationen zu danken ist, und das unter den ungewöhnlichen Schwierigkeiten, welche besonders die Natur dieses Landes großen militärischen Operationen bietet, die keine Armee allein bewältigen kann. Die ungeheure Arbeit im Interesse von Artillerie, Vorräten und Proviant; die langen Wachen in den Booten; das Bergaufziehen der Geschütze durch Matrosen, sogar in der Hitze des Gefechts. So kurz meine Kommandodauer war, halte ich es doch für meine Pflicht, für diese Zeit den großen Anteil der Marine an dem erfolgreichen Feldzug anzuerkennen.«

 

 

Ereignisse in Indien

 

Wie Indien für den britischen ›Raja‹[2] erobert wurde, das ist Legende geworden, und ihr entscheidendes Kapitel wurde im Siebenjährigen Krieg geschrieben. Die Hauptstreiter auf diesem Kriegsschauplatz waren die großen Handelsgesellschaften – die französische und britische »Ostindien-Gesellschaft«, beide nahezu souveräne Körperschaften mit eigenen Flotten und Heeren. Aber was bei einem Erfolg als Preis winkte, war so offenkundig und bedeutend, dass sich jede Gesellschaft die Hilfe königlicher Streitkräfte sichern konnte. Der endliche Erfolg der Briten war teils einer leichten Überlegenheit in indischen Gewässern, teils dem genialen Robert Clive, dem Befehlshaber der Armee der »Ostindischen Gesellschaft«, teils der Tüchtigkeit der Admirale der Royal Navy zuzuschreiben, anfangs der von Charles Watson, nach dessen Tod 1757 der von Sir George Pocock.

 

Die Flagge der englischen Ostindien-Kompanie 1600-1707

 

Die Flagge der englischen
Ostindien-Kompanie 1600-1707

 

 

 

 

Der französische Seebefehlshaber, Comte d’Aché, war ein fähiger Taktiker, den Pocock in mehreren Gefechten nicht entscheidend schlagen konnte. Aber nach dem Fall von Chandernagor war d'Aché benachteiligt, weil er nur in Mauritius, etwa 2000 sm jenseits des Indischen Ozeans, neu ausrüsten konnte, während Pocock dies in Bombay tat, wo er auch in der Zeit der Monsune lag. D'Aché bekam außerdem keine dringend benötigten Verstärkungen und keinen Nachschub aus Frankreich.

Die Hauptphase des Seekriegs in Indien lag zwischen April 1758 und Oktober 1759, als d'Aché mit seiner zerschossenen Flotte Indien endgültig verließ. Zum ersten größeren Seegefecht kam es am 29. April 1758, als Pocock mit seinem Geschwader zum Entsatz von Fort St.
 David, einem britischen Stützpunkt an der Coromandelküste im südöstlichen Indien, versegelte.[3] Mit sieben Schiffen gelangte Pocock in Luv von d’Achés acht Schiffen und versuchte den üblichen Angriff in Kiellinie. Seine drei letzten Schiffe hinkten ohne Formation hinterher. Die Spitze litt unter dem konzentrischen Feuer der Franzosen, als d’Aché halste und am britischen Flaggschiff vorbeilief. Die Franzosen zogen sich zurück, als endlich die britische Nachhut ihre Vorhut unterstützte. Aber was von dieser im Kampf gewesen war, wies viel zu schwere Schäden in der Takelage auf, um eine Verfolgung zu versuchen. Fort St. David musste sich französischen Landstreitkräften ergeben.

 

Blick von »The King's Barracks«, Fort St David (Gemälde von Francis Swain Ward, 1804)

 

 

Blick von »The King's Barracks«,
Fort St David

Gemälde von Francis Swain Ward, 1804)

 

 

Ein zweites Gefecht folgte unter ganz ähnlichen Bedingungen und mit ähnlichem Ergebnis im August. Pocock suchte kühn den Kampf und fühlte sich zu einem Gefecht in leichlanger Linie verpflichtet. D’Aché nahm den Kampf nur zögernd an, der Tatsache eingedenk, dass sein Gegner bessere logistische Hilfen besaß und Schäden schneller reparieren konnte. Im übrigen führte er sein Geschwader geschickt und parierte Pococks Angriffe.

 

Sir George Pocock (1706–1792), britischer Admiral. In mehreren Seegefechten gelang es ihm während des Siebenjähriger Krieges 1758 und 1759 die Franzosen aus Indien zu vertreiben

 

 

 

 

Sir George Pocock (17061792), britischer Admiral. In mehreren Seegefechten gelang es ihm während des Siebenjähriger Krieges 1758 und 1759 die Franzosen aus Indien zu vertreiben

 

 

 

 

Ein letztes größeres Gefecht fand im September 1759 nach dem Ende der Monsune statt, als Pocock die Franzosen vor Pondicherry (heute Puducherry) stellte. Nach recht langem Manövrieren nahmen d’Achés elf Schiffe den Kampf gegen Pococks neun erneut auf. Wieder wurde es ein konventioneller Kampf der Linien, aber auf kurze Entfernung und von beiden Seiten ungewöhnlich heftig geführt. Die Briten verloren diesmal 569 Mann, die Franzosen etwa 1500 an Toten und Verwundeten. Auch diesmal zogen sich die Franzosen zurück, und wiederum waren die britischen Takelagen zu schwer beschädigt, als dass die Engländer die Schiffe verfolgen konnten.

Jedes dieser Gefechte war taktisch unentschieden geblieben, und nur in einem ging ein einziges französisches Schiff verloren, das anschließend zur Rettung der Besatzung auf Land gesetzt werden musste. Alle Gefechte besaßen große strategische Bedeutung; unter britischem Gesichtspunkt, weil Clive den Krieg an Land gewann und weil Verstärkungen und Nachschub aus Großbritannien unbegrenzt,– aus Frankreich aber nur unter großen Schwierigkeiten ankamen. Pocock brauchte nur weiterhin die Seegebiete rund um den Subkontinent zu behaupten, um schließlich den britischen Sieg sicherzustellen. Und wirklich überließ d’Aché sofort dies ganze Gebiet den Briten, vielleicht auch deshalb, weil ihm eine Verstärkung des Feindgeschwaders um vier Schiffe gemeldet war. Auf der Halbinsel nutzte Clive diese Überlegenheit zur See aus und vernichtete die restlichen französischen Kräfte. Wenn auch Pondicherry und ein paar kleinere Enklaven bei Friedensschluß zurückgegeben wurden, sollte Indien doch im wesentlichen von nun an bis nach dem zweiten Weltkrieg britisch bleiben.

 

 

Operationen in Westindien

 

In der Mitte des 18. Jh. erfreuten sich die Inseln im Karibischen Meer einer großen wirtschaftlichen Bedeutung. Die Besitzer der Zuckerplantagen gewannen enorme Vermögen. Abgesehen von Tee und Gewürzen des Fernen Ostens lieferte Westindien tatsächlich dem europäischen Markt fast alle tropischen Produkte. Auch als Käufer waren die Inseln beim grausamen, aber einträglichen Sklavenhandel Afrikas von Wert. Die folgenden Kapitel machen es klar, dass ihre Handelsbeziehungen mit den 13 englischen Kolonien an der nordamerikanischen Küste ebenfalls bedeutend, wenn auch weitgehend ungesetzlich waren. In den vorhergehenden Zeiten hatten viele der Antillen von Zeit zu Zeit durch Kriege ihre Herren gewechselt. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges waren jedoch folgende Besitzansprüche gewissermaßen sanktioniert: Spaniens auf Kuba und Puerte Rico; Englands auf Jamaica, Antigua und Barbados; Frankreichs auf Martinique und Guadeloupe. Auch die Niederlande hatten ein paar kleinere Besitzungen: Curaçao, Aruba und die winzige Insel St. Eustatius, während Santo Domingo zwischen Frankreich und Spanien geteilt war.

Weil »Raub von Zuckerinseln« im Seekrieg zur Gewohnheit geworden war, ging der britische Premierminister Pitt bei erster Gelegenheit daran, Frankreich aus seinen wertvollen karibischen Besitzungen zu vertreiben. Dazu bewogen ihn – abgesehen von seiner Generallinie, ein Imperium zu bauen – die Raubzüge der Freibeuter von Martinique und Guadeloupe aus. Seit Kriegsbeginn hatten Piraten unter der britischen Schifffahrt in jener Gegend gewütet, besonders dort, wo die Handelswege zu Durchfahrten zwischen den Kleinen Antillen zusammenliefen.

 

Die Insel Martinique in der Karibik

 

 

 

 

Die Insel Martinique in der Karibik

 

 

 

Anfang 1759 geleitete der Kommodore Moore mit neun Linienschiffen und einer Fregatte einen Truppentransport unter Generalmajor Hopson, einem mutigen, aber ältlichen und kranken Veteranen, zum Angriff auf Martinique. Die Operationen gegen Fort Royal und später gegen St. Pierre blieben aber ergebnislos, teils wegen starker Abwehr, teils aber wegen einem langen Hin und Her, einem Mangel an gründlicher Vorbereitung und schlechter Zusammenarbeit zwischen den Stäben von Heer und Marine. Die Expedition wurde dann auf das schwächer verteidigte Guadeloupe verlagert.

 

Die Beschiessung von St. Pierre auf der Insel Martinique durch britische Kriegsschiffe

 

Die Beschiessung von St. Pierre auf der Insel Martinique durch britische Kriegsschiffe

 

 

 

Obwohl sein Hauptberater in technischen Fragen Moore davon abriet, bombardierte Hopson die Befestigungen der Hauptstadt Basse-Terre und brachte die Küstenbatterien zum Schweigen. Ohne Widerstand konnten Stadt und Forts besetzt werden. Im Inneren der Insel aber kämpften die Franzosen weiter, und erst nach drei Monaten war ganz Guadeloupe in britischer Hand. Generalmajor Barrington übernahm nach Hopsons Tod im Februar den Befehl und bewies mehr Energie und Phantasie als sein bisheriger Vorgesetzter. Obwohl er in der Minderzahl war, unternahm er planmäßig kleine Angriffe, für die er Boote und kleine Fahrzeuge benutzte, um von See her in den Rücken des Feindes zu kommen. Endlich ergaben sich die Franzosen, leider einen Tag zu früh; denn am nächsten Tat kam Entsatz unter Kommodore de Bompart, aber zu spät, um Barringtons Erfolg noch zunichte zu machen.

Im Jahre 1760 erstürmten Kommodore Douglas und Lord Rollo die Insel Dominica; 1762 nahm ein sehr starker Verband unter Admiral Rodney und General Moncton nach drei Wochen Kampf Martinique. Gleichzeitig fiel Grenada, und Kapitän Hervey wurde sofort nach St.
 Lucia entsandt, das genau wie St. Vincent sehr rasch in britischer Hand war; ein großes Aufräumen also mit allen französischen Besitzungen auf den Kleinen Antillen[4].

Spanien trat im Januar 1762 in den Krieg ein. Früher hätten die vereinigten spanisch-französischen Flotten für England eine tödliche Gefahr bedeutet, mittlerweile aber war die französische Flotte zerstreut, und Spaniens Eingreifen bedeutete zu dieser Zeit für England nur einen Glücksfall. Spaniens mit Schätzen beladene Konvois stellten für die Schiffe der Royal Navy eine offene Einladung zur Plünderung dar, und Spanien besaß in Westindien und im Fernen Osten enorm reiche Kolonien.

Da England in Westindien bereits über Geschwader und Truppen verfügte, wurde sofort eine Unternehmung gegen Havana in Gang gesetzt. Man hoffte, mit Verstärkungen aus England und Amerika werde es möglich sein, dass der Earl of Albemarle mindestens 15
 000 kampffähige Leute gegen Spaniens Bastion im Karibischen Meer führte. Admiral Sir George Pocock konnte über etwa 50 Kriegsschiffe, darunter 22 mit 60 und mehr Kanonen, verfügen. Mit den Transportern und Hilfsschiffen würde sich die Flotte auf etwa 200 Segel belaufen.

Pocock und Albemarle liefen mit einem kleinen Verband von England nach Martinique, wo man die Expedition zusammenstellen wollte. Aber die anderen Schiffe waren nicht eingetroffen, und der Admiral sah sich einer schweren Entscheidung gegenüber. Sollte er sich mit Douglas bei Jamaika treffen und den sicheren Handelsweg westlich von Kuba wählen oder seine Flotte bei Kap St. Nicholas an der Windward-Passage konzentrieren – zwischen Kuba und Santo Domingo –, um von dort im gewundenen und schlecht vermessenen Old-Bahama-Kanal an der Nordküste Kubas entlangzulaufen? Diese Route barg erhebliche Gefahren. Er nahm an, dass ein überlegenes französisches Geschwader bei Kap Française an der Nordküste von Santo Domingo liege. Im 600 sm langen, mit Riffen besäten Bahama-Kanal konnte sich ein Sturm verheerend auswirken.

 

Haiti und die Winward-Passage

 

 

 

 

 

Haiti und die Winward-Passage

 

 

 

Kam er andererseits glücklich durch die wenig benutzte Passage, so hatte er nicht nur das Überraschungsmoment für sich, sondern auch Zeit gewonnen. Dann stand er zwischen den Franzosen bei Kap Française und der spanischen Flotte in Havana und konnte so die Vereinigung beider feindlicher Flotten verhindern. Zudem würde er früher mit den aus Amerika erwarteten Transportern zusammentreffen.

Pocock kam zu der Ansicht, die Vorteile eines Sammelns bei Kap St.
 Nicholas überwögen die Gefahren. Er sandte Nachricht an Hervey und Konteradmiral Sir James Douglas, den Befehlshaber des Jamaica-Geschwaders. Dann lief er mit seinem Konvoi nach Norden, durch die Mona-Passage zwischen Santo Domingo und Puerto Rico und an der Küste von Santo Domingo entlang nach Westen. Als er den Punkt erreicht hatte, an dem ihm ein Auslaufen der Franzosen von Kap Française her bedrohlich werden konnte, blockierte Hervey bereits mit sieben Linienschiffen die Reede.

 

Die Mona-Passage

 

Die Mona-Passage

 

 

 

Pocock wartete bei Kap St. Nicholas eine Woche auf Douglas. Als dessen neun Schiffe auftauchten, begannen die Briten sogleich die schwierige Fahrt durch den Old-Bahama-Kanal. Er hatte eingeborenen Lotsen an Bord, aber die taugten nicht viel. Pocock schickte die Fregatte »Richmond« unter Kapitän Elphinstone zum Ausloten voraus, und so kamen sie sicher durch die gefährliche Passage. Nach einer Woche hatte die ganze Streitmacht die Durchfahrt hinter sich und stand querab von Mantanzas, noch eine Tagesreise von Havanna entfernt. Pocock hatte sein Spiel gewonnen, und die George Elphinstone, 1. Viscount KeithÜberraschung der spanischen Garnison gelang. Die falsche Sicherheit, in der sich Don Juan de Prado Porto Carrero, der Generalkapitän, gewiegt hatte, war verständlich. In 150 Jahren war Havanna nie erobert worden.

 

 

 

George Elphinstone, 1. Viscount Keith

 

 

 

 

Der vom Land eingeschlossene Hafen war durch mächtige Befestigungen geschützt, so dass man die Stadt das karibische Gibraltar nannte. Sie liegt genau im Westen der Havanna Bucht, deren Einfahrt vom »Castillo de la Punta« auf der Stadtseite und vom »Castillo del Morro« im Osten an der Spitze des Vorgebirges flankiert wird, so dass die Bucht ganz von Land eingeschlossen ist.

Am 6. Juni 1762 kamen die Briten vor dem Coximar-Fluss, 15 sm östlich der Stadt, an, wo die sandige Bucht einen geeigneten Landungsplatz bot. Pocock schoß hier die Blockhäuser zusammen und setzte Truppen an Land. Dann bedrohte er die Stadt durch eine vorgetäuschte Landung westlich davon. Hätte Albemarle den Vorteil der taktischen Überraschung voll ausgenutzt, so hätte er Havanna ohne lange Belagerung im Handstreich erobern können. Aber er war in der formalistischen Schule groß geworden und zur Belagerung und notfalls Erstürmung des ›Castillo del Morro‹ entschlossen.

So litten die Mannschaften fast zwei Monate lang unter den Qualen eines tropischen Sommers. Schiffsgeschütze wurden mühsam in ihre Stellungen gebracht und auf Felsrücken mussten oberirdische Verschanzungen angelegt werden. Im Feindfeuer begannen die Faschinen zu brennen. Auf der ganzen Halbinsel gab es kein Wasser. Man musste es in Booten von der Flotte herüberbringen und war stets zu wenig.

Die Spanier leisteten zähen Widerstand, aber sie machten Fehler. Trotz der sehr starken Befestigungen beiderseits der eine halbe Meile breiten Hafeneinfahrt versenkten sie drei ihrer Linienschiffe zur Sperrung des Fahrwassers, wodurch sie die neun übrigen einschlossen und zugleich Pocock die Verantwortung abnahmen, gegen ihr Auslaufen gewappnet zu sein. So war Pococks Blockade nahezu überflüssig.

Wie häufig bei Unternehmungen in Westindien brachen auch jetzt Krankheiten aus, besonders das Gelbe Fieber; ihm fielen weit mehr Leute zum Opfer als durch Kampfhandlungen. Verstärkungen von Lord Amherst trafen nur zögerlich ein, und im Juli sah es eine Zeitlang ganz nach einem Fehlschlag der Expedition aus. Doch Albemarle, zwar kein überragender Taktiker, besaß Zähigkeit. Schließlich stellten Pioniere einen Tunnel unter den zur Küste gelegenen Wällen des »Morro« fertig, eine Mine explodierte, und die Rotröcke schwärmten durch die schmale Bresche. Schon nach Minuten hatten sie die Verteidiger in den Felsgängen der Festung niedergemacht. Als der »Morro« in britischer Hand war, musste sich auch die Stadt ergeben.

Nur wenige Eroberungen in einem der Krieg haben sich so umgehend ausgezahlt wie die Einnahme von Havana. Spanien verlor ein Fünftel seiner Flotte – fast alle Schiffe unbeschädigt. Mehr als 100 Stück Artillerie und große Mengen sonstigen Kriegsmaterials und materieller Werte, darunter Kisten mit Bargeld, fielen in britische Hand. Der befehligende General und Admiral erhielten 122
 000 Pfund Prisengeld![5] Für die Havanna-Operation war die Flotte im Kampf und für logistische Zwecke unentbehrlich. Wie Saunders bei Quebeck, so gab Pocock bei Havanna kommenden Seebefehlshabern ein Beispiel selbstloser Zusammenarbeit. Albemarle schrieb darüber: »Sir George Pocock und Kommodore Keppel haben sich in ganz besonderer Weise hervorgetan. Ich darf die Behauptung wagen, dass noch nie eine gemeinsame Unternehmung harmonischer und mit größerem Eifer beider Teile durchgeführt worden ist.«

 

 

Andere Operationen

 

Weil die Beherrschung der Meere den Briten die fast uneingeschränkte Wahl ließ, wo und wann sie kämpfen wollten, konnte Großbritannien nicht nur jene großen Operationen durchführen, die den Kriegsausgang wesentlich beeinflussten. Von Zeit zu Zeit konnte es auch einen Teil seiner Macht für Nebenunternehmungen einsetzen, die nur unter kommerziellem Gesichtspunkt wichtig waren oder vielleicht bei Friedensverhandlungen seine Position ein wenig verbessern konnten. Ein Beispiel hierfür liefert die Einnahme von Gorée, eine Niederlassung des französischen Sklavenhandels am Golf von Guinea. Und 1760 nahm Pitt erneut ›Verbundene Operationen‹ gegen die französische Küste auf, indem er eine beträchtliche Streitmacht Belle Ile erobern ließ.

 

 

Insel GOrée, 1772

 

Insel Gorée, 1772

 

 

Im Jahre 1762 improvisierte eine Gruppe englischer Abenteurer eine Expedition gegen Buenos Aires. Mit zwei von der britischen Regierung gekauften Fregatten, zwei kleinen portugiesischen Kriegsschiffen und 500 portugiesischen Soldaten lief sie von Rio de Janeiro aus, um in Spaniens riesiger Festlandskolonie einen Plünderungszug zu versuchen. Schlechte Navigation im Mündungsgebiet des La Plata und kriegerische Fehlschläge wurden der Unternehmung zum Verhängnis.

Den Schlussstein der britischen überseeischen Kriegführung bildete die Manila-Expedition durch Truppen der »Ostindischen Gesellschaft« unter Brigadier Draper und ein Geschwader von acht Schiffen unter Vizeadmiral Cornish. Nach Beschießung und Belagerung fiel Manila nach kaum zwei Wochen. Der Gouverneur übergab alle Philippinen-Inseln und kaufte Manila mit vier Millionen spanischer Dollar frei. Da das Geschwader außerdem die Acapulco-Galeone mit drei Millionen Dollar in Münzen und Barren kaperte, kam das Prisengeld demjenigen bei der Eroberung Havannas gleich.

 

 

Das Ende des Krieges

 

Das verwickelte Gefüge europäischer Machtpolitik wandelte sich im Endstadium des Siebenjährigen Krieges mit bestürzender Geschwindigkeit. Als der siegreiche Friede fast schon in Sicht war, trat Pitt zurück, weil das Kabinett seine Forderung nach sofortiger Kriegserklärung an Spanien ablehnte.[6] Spanien versuchte eine Invasion Portugals, das Englands alter Verbündeter war. Sie wurde durch eine britische Flotte und ein Expeditionskorps vereitelt. Lord Bute, Pitts engstirniger Nachfolger, entfremdete sich Friedrich dem Großen und zerriß das Bündnis mit Preußen. Die russische Zarin Elisabeth Petrowna, die Tochter Peter des Großen, starb. Ihr Nachfolger wurde der halbidiotische Peter III., der bald bei einem von seiner Frau Katharina gelenkten Putsch ermordet wurde. Katharina II. (»die Große«) wollte den Krieg nicht wieder beginnen. Schweden trat aus der Großen Koalition aus. Frankreich und Österreich, ohne Verbündete, fast erschöpft und ohne eine andere Wahl, suchten um Frieden nach.

 

Allegorie auf den Frieden von Hubertusburg: Friedrich August II. von Sachsen führt Maria Theresia in die Arme Friedrichs, nachdem der sächsische Kurfürst einen großen Teil der preußischen Kriegskosten bezahlt hatte getreu nach dem Motte Friedrich des Grossen: »Sachsen ist wie ein Mehlsack, egal wie oft man draufschlägt, es kommt immer noch etwas heraus.«

 

 

 

 

 

Allegorie auf den Frieden von Hubertusburg: Friedrich August II. von Sachsen führt Maria Theresia in die Arme Friedrichs, nachdem der sächsische Kurfürst einen großen Teil der preußischen Kriegskosten bezahlt hatte getreu nach dem Motte Friedrich des Grossen: »Sachsen ist wie ein Mehlsack, egal wie oft man draufschlägt, es kommt immer noch etwas heraus

 

 

 

 

 

Der Friede von Paris (1763) stellte den Höhepunkt von Großbritanniens »Old Empire« dar. Die überall siegreichen Briten hätten sehr wohl mehr verlangen können, als sie bekamen. Dabei fiel ihnen ohnehin der Löwenanteil zu. Sie erhielten Kanada und erreichten die Abtretung französischer Ansprüche auf das ganze Territorium östlich des Mississippi. Damit legte Großbritannien, ohne es zu ahnen, die Grenzen der Vereinigten Staaten fest, die 13 Jahre später ins Leben traten. Ferner erhielt Großbritannien: von Frankreich Senegal; von Spanien Florida im Austausch gegen Kuba. Und es bekam Menorca zurück.

Von den anderen Ländern erhielt Frankreich Belle Ile, Guadelupe, Martinique, St. Lucia, Goree, die französischen Handelsniederlassungen in Indien (Frankreich versprach, sie nicht zu befestigen) und die kleinen Inseln Miquelon und St. Pierre zugesprochen. An Spanien fielen Kuba und die Philippinen. Frankreich machte Spanien den Vertrag dadurch annehmbarer, dass es ihm New Orleans und das Gebiet von Louisiana abtrat, ein Imperium westlich des Mississippi, im Urzustand und in seiner Ausdehnung noch gar nicht vermessen.

 


 [1] Für den Nahkampf ausgebildete Soldaten.

[2] Raja, auch Radja oder Radscha: König.

[3] Versegeln, allgemein: von einem Ort zu einem Zielpunkt segeln, die Standortveränderung von Schiffen in Richtung eines Kurses und die aus Zeit und Fahrt (Geschwindigkeit) gewonnene Distanz; heute auch für „vom Kurs abkommen“.

[4] Kleine Antillen (Inseln unter dem Wind), von Kolumbus entdeckte Inselkette in Mittelamerika. Dominica, im 17./18. Jh. zwischen Briten und Franzosen umstritten; erst nach den Napoleonischen Kriegen endgültig britisch; ab 1956 selbständige Kolonie, seit 1978 unabhängige parlamentarische Republik im Commonwealth. Martinique, 1674 französische Kronkolonie, erhielt 1854 eine Verfassung mit innerer Autonomie; seit 1946 französisches Überseedepartement. Grenada, 1674 französische Kronkolonie; ab 1762/63 britisch, erhielt 1974 die volle Unabhängigkeit. St. Lucia und St. Vincent, kleine Inselstaaten im Bereich der Westindischen Inseln.

[5] Ein bezeichnendes Licht auf die soziale Hierarchie des 18. Jh. wirft die Tatsache, dass der Anteil eines Soldaten 4 Pfund 1 Shilling 8 Pennce, der eines Vollmatrosen 4 Pfund. 14 Shilling 9 Pence betrug.

[6] Pitts Rücktritt ist eine Ironie, insofern sehr bald darauf die Ereignisse eine Kriegserklärung ohnehin unvermeidlich machten.

 

 

 

(Wird fortgesetzt)

 



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