Homepage                 Ausgabe vom 1. Juli 2010  
 

   

 Kompassrose 1588

 

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Zweiteilige Artikelfolge in den «kompassrosen»

 

Japan als Seemacht

1. Teil

 

Die von Westeuropa ausgehenden Entdeckungsfahrten am Ausgang des Mittelalters verbanden Ost und West über See. Die Portugiesen und nach ihnen die Holländer, Engländer und Franzosen, umrundeten Afrika, um eine umfangreiche Handelsherrschaft in Vorder- und Hinterindien zu begründen. Die Spanier, die von ihren Stützpunkten in der Neuen Welt aus weiter vorstießen, eigneten sich die Philippinen an.

 

Die Europäer waren erfolgreich, weil sie häufig nicht als Eroberer, sondern als Händler kamen, aber auch, weil es an organisiertem Widerstand fehlte. Indien war in einige Hunderte von Fürstentümern geteilt, die sich oft gegenseitig befehdeten. Japan litt Jahrhunderte lang unter Stammeskämpfen. China, das in mancher Hinsicht hochzivilisiert war, konnte kaum die Kraft aufbringen, um sein eigenes weites Reich zu überwachen.

Ein japanisches Küstenkriegsschiff aus dem 16. Jahrhundert (Atakebune)

Ein japanisches Küstenkriegsschiff aus dem 16. Jahrhundert (Atakebune)

 

 


Doch Kriegsflotten und Seekriegführung waren dem Fernen Osten nicht unbekannt, als die ersten Europäer ankamen. Wie England, so war auch das insulare Japan früh das Ziel von Kontinentalmächten, die sich über See auszubreiten versuchten. Im Jahre 1273 und wieder 1279 hatte Kublai Khan von Korea und China aus versucht, nach Japan einzufallen. Es waren bedeutende Operationen, an denen von 50 000 bis zu 150 000 Soldaten beteiligt waren. Die Unternehmung von 1279 erforderte zur Truppenbeförderung das Aufgebot aller verfügbaren Flotten im chinesischen Reich. Während der mongolischen Bedrohung gaben die Japaner zeitweise ihren inneren Streit auf, um die feindlichen Brückenköpfe zu umfassen. Dabei waren sie sehr erfolgreich, auch dank der schicksalhaften Taifune, die bei beiden Anlässen über die Landeköpfe hinweg rasten und viele Schiffe der Invasionsflotte zum Sinken brachten. Seitdem wurde der »Kamikaze«, der Götterwind, ein Teil der japanischen vaterländischen Tradition.

Als die Japaner unter der strengen Herrschaft des Shogun Hideyoshi vereint waren, unternahmen sie im Jahre 1592 und danach 1597 Landungen auf dem Kontinent. Auch später ging der Weg der beabsichtigten Eroberung über Korea, das man das Flandern von Asien genannt hat. Bei beiden Angriffen überrannten die Japaner Teile der koreanischen Halbinsel, wurden aber schließlich durch eine Vereinigung der chinesischen Armee mit der koreanischen Flotte zurückgeworfen. Die fernöstlichen Flotten bestanden ebenso wie die christlich-arabischen Flotten in der gleichzeitigen Schlacht von Lepanto meistens aus Galeeren, die mit leichten Kanonen bestückt waren. Der Seesieg wurde im Fernen Osten wie im Mittelmeer in den meisten Fällen durch Entern errungen.
Toyotomi Hideyoshi zeigte in strategischer und taktischer Hinsicht Talent auf dem Schlachtfeld und besaß ein außerordentlich

 

Toyotomi Hideyoshi zeigte in strategischer und taktischer
Hinsicht Talent auf dem Schlachtfeld und besaß ein außerordentlich
hohes
diplomatisches Geschick

 


Aber im Jahre 1592 rammten sich die Koreaner, geführt von Yi Sun Sin, dem östlichen Nelson, ihren Weg durch die japanische Linie mit einem eisengepanzerten Schildkrötenrücken, der Kanonenluken nach vorn hatte. Die durch diese neue Waffe entstandene Verwirrung ermöglichte es den herkömmlichen koreanischen Galeeren, sich von den japanischen Entermanövern
freizuhalten, während sich Kanonen und Musketenfeuer und Flammenpfeile auf die Japaner ergossen.

 

 

Modell eines koreanischen Schildkrötenschiffs

 

Modell eines koreanischen Schildkrötenschiffs

 

 

 

Noch unrühmlicher für die Japaner war das Ende ihrer Invasion im Jahre 1597. Yi Sun Sin griff in einem asiatischen Trafalgar, das ihm das Leben kostete, wütend die zahlenmäßig überlegenen Eindringlinge auf See an und zerstörteYi Sun Sin, Statue in Seoul ihre Flotte bis zur Kampfunfähigkeit. Drei Jahrhunderte mußten verstreichen, bevor sich eine japanische Flotte wieder in koreanische Gewässer wagte.

 

 

 

 

  Yi Sun Sin, Statue in Seoul

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Tode Hideyoshis wandte sich der leidenschaftliche Nationalismus der vereinigten japanischen Inselgruppen nach innen. Japan hätte als große Handelsnation mit geographischen Vorteilen ähnlich denen von England das Großbritannien des Fernen Ostens werden können. Stattdessen zog es das Shogunat vor, den Handel abzuschrecken und fremden Einfluß jeder Art auszuschließen. Für 250 Jahre umgab ein Bambusvorhang Japan. Die Westmächte brachen schließlich durch den japanischen Bambusvorhang und zeigten den Japanern, die diesmal weit besser für diese Rolle ausgerüstet waren, wieder den Weg der Eroberung.

 

 

Die Westmächte im Fernen Osten

 

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte die europäische Herrschaft im Fernen Osten ein friedliches Gleichgewicht unter den asiatischen Mächten hergestellt. Zuerst waren die Portugiesen und später die Franzosen aus dem Fernen Osten vertrieben worden, aber die Engländer hatten sich in Indien fest niedergelassen, die Holländer besaßen eine unangefochtene Herrschaft in den ostindischen Gebieten, und die Spanier regierten ungestört auf den Philippinen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieses Gleichgewicht durch ein neues militärisches Übergewicht umgeworfen, das dem Westen als Ergebnis der technischen Fortschritte der industriellen Revolution zuwuchs, augenfällig durch die dampfgetriebenen Schiffe mit ihren leistungsfähigen schweren Geschützen. Ferner beeinflusste die wachsende Produktivität im Westen den bisherigen gleichmäßigen Handelsaustausch mit dem Fernen Osten. Der steigenden Nachfrage der neuen europäischen Mittelstandsklassen nach Tee und Seide konnten die fernöstlichen Märkte keine entsprechende Aufnahmekapazität für westliche Fabrikate anbieten. Die sich selbst versorgenden Chinesen verlangten im allgemeinen Silber als Bezahlung, bis ausländische Händler stattdessen indisches Opium und Rohbaumwolle anboten. Um 1830 betrug die Opiumeinfuhr mehr als die Hälfte der chinesischen Importe und erschöpfte die Devisenbestände des Landes. Als die Regierung das Rauschgift verbot, um die Geldknappheit zu beseitigen, brach die erste Krise zwischen China und den modernen industriellen Seemächten aus.

Was die Westmächte durch Diplomatie nicht hatten erreichen können, versuchten sie mit Gewalt zu nehmen. Die Engländer führten von 1839 bis 1842 Krieg in China und England und Frankreich vereint von 1856 bis 1858. Diese Feldzüge zwangen die Chinesen, ihre größeren Häfen für den Handel zu öffnen, freie Schiffahrt auf dem Yangtse zu erlauben, diplomatische Missionen in Peking anzuerkennen, ihre Exterritorialität hinzunehmen und Hongkong völlig an Großbritannien zu überlassen. Die Vereinigten Staaten, die nach den militärischen Erfolgen der Europäer mit diplomatischen Missionen folgten, erhielten ähnliche Handelskonzessionen wie die Engländer und Franzosen. Diese Verträge bestimmten weitgehend die Beziehungen Chinas zu den westlichen Nationen bis zum Jahre 1945. Sie schwächten aber gleichzeitig die chinesische Souveränität, und die politische Ohnmacht forderte zu weiteren Übergriffen heraus, besonders durch Russland und Japan

Obwohl Japan seine selbstgewählte Abschließung dem Westen gegenüber beibehielt, blieb der drastische Anschauungsunterricht, den die jüngste Geschichte Chinas bot, nicht unbeachtet. Den Vereinigten Staaten wollten Zugang zu den japanischen Märkten. Der Erwerb von Kalifornien und die Entwicklung im Staate Oregon ließen jetzt die Vereinigten Staaten zu einer Macht am Stillen Ozean werden. Die Vorbereitungen für einen fahrplanmäßigen transpazifischen Dampferverkehr hingen von der Gewährung von Dockmöglichkeiten in Japan ab, weil dieses Inselkaiserreich quer vor der kürzesten Verbindung nach Shanghai lag. Erfolglose amerikanische Versuche, mit den Japanern diplomatische Beziehungen anzuknüpfen, überzeugten schließlich den Präsidenten Fillmore, dass hier die Macht der USA demonstriert werden müsse.

Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlangten westliche Mächte immer stärker Zugang zu Japan und seinen Märkten, allen voran Russland, England und die USA. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu Bauernaufständen, viele Samurai waren hoch verschuldet. Dem Shogunat entglitt zunehmend die Kontrolle. 1853 landeten amerikanische Schiffe unter Commodore Matthew Perry in der Bucht von Edo, um beim Shogunat Konzessionen und die Öffnung von Vertragshäfen zu erreichen.
Matthew Calbraith Perry
 

Matthew Calbraith Perry

 

 

Admiral Matthew Calbraith Perry überbrachte dem Shogun einen persönlichen Brief des Präsidenten, der ihn autorisieren sollte, einen Vertrag zum Schutz amerikanischen Lebens und Eigentums in Japan und über den freien Zugang zu einem oder mehreren Häfen »zur Bevorratung und für den Handel« abzuschließen. Er sollte, wenn nötig, Gewalt anwenden. Aber die Flotte hatte auch amerikanische Maschinen und anderen industrielle Produkte als Geschenke an Bord. Das Geschwader, das Perry in die Bucht von Tokyo führte, bestand aus je zwei Radfregatten und Segelkorvetten. Zum Empfang des Vertreters des Kaisers, des Prinzen von Idzu, ging Perry mit Gefolge an Land und übergab zeremoniell den Brief des Präsidenten. Er kündigte an, dass er im folgenden Frühling zum Empfang der kaiserlichen Erwiderung zurückkommen werde, ließ die Proteste der Behörden unbeachtet, demonstrierte vor Tokyo seine Seemacht und dampfte nach China ab.

 

Die Flotte Perrys auf einem historischen japanischen Druck

 

 

Die Flotte Perrys auf einem historischen japanischen Druck

 

Nach vier Jahren zähen Ringens gab Shogun Tokugawa Iesada schließlich nach, und es kamen erstmals Handelsbeziehungen zwischen den USA und Japan zustande. Das Nachgeben des Shoguns führte im weiteren Verlauf zu starken Widerständen verschiedener Fürstentümer gegen die Herrschaft der Tokugawa und gegen die ins Land gekommenen Europäer.

Während das Geschwader in China überwinterte, wurde es noch durch eine Radfregatte und zwei Segelschaluppen verstärkt. Das Erscheinen eines russischen Geschwaders bei Shanghai trieb Perry dazu, seinen zweiten Besuch vor Tokyo früher durchzuführen, um die Russen davon abzuhalten, zu ernten, wo er gesät hatte. Perry überzeugte schließlich die Japaner, dass der Staatsrat nur zwischen einem Vertrag und dem offenen Krieg zu wählen hätte. Widerstrebend fügten sich die Japaner in das Unvermeidliche, denn sie kannten ihre militärische Schwäche. Der am 31. März 1854 abgeschlossene Vertrag von Kanagawa garantierte den amerikanischen Bürgern Schutz und sorgte für die Öffnung der Häfen von Shimoda und Hakodate für die amerikanische Schiffahrt, aber er gab keine Handelskonzessionen.

Perrys festes, aber kluges Auftreten hatte das den Umständen nach Bestmögliche erreicht. Aber in Japan hatte sich bereits die Erkenntnis durchgesetzt, dass der auswärtige Handel ein Mittel zur Beschleunigung der technischen und industriellen Revolution war, der sich Japan zur Sicherung seiner Unabhängigkeit unterziehen musste. Gegen beide Verträge wandten sich die japanischen Großfamilien, die alten Feinde des Tenno. Mon, der Herr des Gebietes von Chosu, ließ auf eigene Faust auf fremde Schiffe feuern, die die Straße von Shimonoseki zwischen den Inseln Honshu und Kyushu befuhren. Die Öffnung dieser Durchfahrt konnte nur von drei Nationen in vier Unternehmungen mit wachsender Stärke in den Jahren 1863 un4 1864 erzwungen werden. Zuerst griffen die amerikanische Schraubenschaluppe Wyoming, dann zwei französische Kriegsschiffe, danach sechs englische Kriegsschiffe und schließlich eine internationale Streitmacht von 17 Schiffen die Schiffe und Festungswerke von Mon an, bevor sich zu Verhandlungen bequemte.

 

 

Japanische Zeichnung der Morrison vor Anker vor Uraga im Jahre 1837

 

Japanische Zeichnung der Morrison vor Anker vor Uraga im Jahre 1837

 

Das flößte den Familienclans Respekt vor der Seemacht ein. Sie wollten sich die westliche militärische Technik aneignen. Der Shogun war mit seinen Anhängern politisch und militärisch nicht mehr in der Lage, diese Bewegung zu unterdrücken. Die Aufständischen besiegten den Shogun 1868 nach einem zweijährigen Bürgerkrieg, der als »Meiji-Restauration« in die Geschichtsbücher einging, und errichteten wieder ein Kaiserreich. Danach erhielt die Nation mit solcher Schnelligkeit eine westliche Prägung, dass es die Ausländer in Erstaunen setzte. Zuerst wurden Heer und Marine reformiert. Die Modernisierung der Flotte war schon vor dem Sturz des Shogunats in Angriff genommen, und die ersten Werften und Hellinge der Marineanlagen in Yokosuka waren im Jahre 1865 eingerichtet worden. Offiziere und Offiziersanwärter wurden in ausländische Marineschulen, vor allem nach England und den USA geschickt. Seit 1874 beauftragten die Japaner fremde Werften mit dem Bau von Kriegsschiffen neuester Konstruktion und bemühten sich, diese nachzubauen und zu verbessern. In den achtziger Jahren waren es zunächst Kanonenboote, ab 1890 ließen sie Kreuzer vom Stapel laufen, die ebenso gut waren wie ihre in Europa gebauten Vorbilder.

Die strategischen Probleme, die Japan nach 1870 vor sich sah, glichen in vieler Hinsicht denen Großbritanniens. Beide waren Inselnationen, den Kontinenten vorgelagert. Japan war gegenüber Russland und China in einer gefährlichen Lage, und was Japan am meisten zu fürchten hatte, war Chinas Aufstieg zur Seemacht und Russlands Suche nach eisfreien Häfen. Strategisch war Japan durch seine geographische Lage in einer stärkeren Position als seine Rivalen. Während es aber zahlenmäßig schwächer als jeder seiner mutmaßlichen Gegner war, konnte keiner von ihnen seine volle Stärke gegen Japan einsetzen, solange es zur See unbesiegt blieb.
 

Der Meiji-Kaiser auf dem Weg von Kyoto nach Tokyo, Ende 1868

 

Der Meiji-Kaiser auf dem Weg von Kyoto nach Tokyo, Ende 1868

 

Aber die Japaner verfolgten stetig ihre Politik, zuerst eine defensive Sperre vor der Ostküste Asiens zu errichten und danach die politische Kontrolle über die Brückenköpfe auszuüben. Der neue imperialistische Weg zur Herrschaft kündigte sich mit der Annexion der Bonininseln im Jahre 1876 und der Ryukyu-Inseln drei Jahre später an. Formosa und die Pescadoren gehörten China, und die Landbrücke Korea war nominell von ihm abhängig. Sachalin, die nördliche Flanke, war russisch. Um den beabsichtigten Sperr-Riegel zu vervollständigen, hätte Japan alle diese Gebiete mit Beschlag belegen müssen. Ihre Erwerbung bedeutete jedoch Krieg mit beiden Mächten, mit China und Russland. Die japanischen Politiker nahmen dies als Notwendigkeit hin. Im Jahre 1894 griffen sie zuerst China, das schwächere der beiden Länder an.
 

 

Futami-ko (früher Port Lloyd), das natürliche Hafenbecken auf Chichi-jima (Bonin-Inseln)

 

Futami-ko (früher Port Lloyd), das natürliche Hafenbecken auf Chichi-jima (Bonin-Inseln)

 

Geographische Lage der Bonininseln

 

 

 

 

Geographische Lage der Bonin-Inseln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der chinesisch-japanische Krieg 1894-1895

 

Der Vorwand für den Krieg wurde durch einen von Japan geschürten Aufstand in Seoul, der Hauptstadt von Korea, gegeben. China ließ Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung einrücken, worauf Japan sich auf eine Vertragsklausel berief, um Truppen in Incheon zu landen. Als die Japaner nach Seoul vorrückten, setzten sie den koreanischen König mit einer Marionettenregierung wieder ein und forderten, dass sich die Chinesen von der Halbinsel zurückzögen. Als China, statt sich dieser Forderung zu unterwerfen, über See Truppen nach Korea brachte, liefen die schnellen Kreuzer Akitsushima, Yoshino und Naniwa vom japanischen Marinestützpunkt Sasebo aus und griffen ohne formale Kriegserklärung den chinesischen Truppenkonvoi an, versenkten und beschädigten mehrere Kreuzer, Kanonenboote und Transportschiffe. Japan hatte damit die Praxis eingeführt, folgenreiche Kriegshandlungen anzuzetteln und den Krieg erst hinterher zu erklären. Beide Seiten erklärten den Krieg am 1. August 1894.
 

Karte von Incheon, zirka 1930

 

Karte von Incheon, zirka 1930

 


Während der nächsten Wochen war die japanische Flotte hauptsächlich damit beschäftigt, die Truppen- und Nachschubtransporte nach Korea über Pusan und Incheon zu decken. Eine kurze Flottendemonstration vor dem Hauptstützpunkt der chinesischen Nord-Flotte, genügte, um Peking zu schrecken, so dass die chinesische Flotte in der Nähe des Hafens blieb und alle Truppen über den langsamen, umständlichen Landweg nach Korea gebracht wurden. Aber schnelle japanische Vormärsche zwangen China Mitte September, wieder Seetransporte durchzuführen. Die Überfahrt des ersten Truppenkonvois, von chinesischen Seestreitkräften begleitet, entging der Aufmerksamkeit der japanischen Flotte nicht und führte zur Schlacht im Yalu-Fluß im September 1894.

Das Geleit des Transportes unter Führung von Admiral Ting bestand aus einem der vier chinesischen Provinzgeschwader, dem einzigen, das die chinesische dezentralisierte Regierung für den koreanischen Krieg bereitgestellt hatte. Die Hauptstärke des Geschwaders bestand aus zwei langsamen, in Deutschland gebauten 7400 Tonnen großen Schlachtschiffen. Theoretisch konnten diese Schiffe gleichzeitig mit allen Geschützen nach vorne, achtern oder querab feuern, aber praktisch stellte sich heraus, dass sie gemeinsam nur nach vorn schießen konnten, ohne Sprengschäden an den Aufbauten zu verursachen.

Bei der Ankunft an der Mündung des Yalu-Flusses kommandierte der chinesische Admiral Ting ein Küstenpanzerschiff und zwei Torpedoboote ab, um die Transportgruppe den Yalu hinauf zu begleiten und die Ausschiffung zu decken. Die zehn Schiffe seiner Gefechtslinie lagen vor Anker in der Flussmündung. Am folgenden Vormittag übten die chinesischen Mannschaften »Klar Schiff zum Gefecht», als der Ausguck dicke Rauchwolken über See im Südwesten entdeckte. Es näherte sich die japanische Flotte. Um Platz zum Manövrieren zu haben, befahl Ting seinen Schiffen, sich auf den Vormarsch gegen den Feind vorzubereiten. Gegen 11 Uhr vormittags war die Schlachtlinie in Fahrt. Die vier Schiffe, die die Truppen den Yalu hinaufbegleitet hatten, folgten in einiger Entfernung achteraus, kamen jedoch nicht mehr heran. Insgesamt verfügte die chinesische Flotte über 22 ältere schwere Geschütze sowie 20 mittlere ältere Geschütze. Schnellfeuergeschütze besaßen die chinesischen Schiffe nicht, es waren nur eine Reihe leichter Schnellfeuer- und Maschinenkanonen an Bord.

Die japanische Flotte, geführt von Admiral Ito, verfügte demgegenüber neben 12 älteren schweren und 24 mittleren Geschützen als schlagkräftigste Bestückung über nicht weniger als 66 moderne Schnellfeuergeschütze. Sie waren die wirkungsvollsten Marinegeschütze jener Zeit. Die japanische Flotte war in 2 Divisionen geteilt. Die 1. fliegende Division unter Konteradmiral Tsuboi bestand aus 4 modernen schnellen Kreuzern mit mehr als 18 Knoten Geschwindigkeit und die Hauptmacht oder 2. Division unter Admiral Ito verfügte über vier Kreuzer und einige kleinere Einheiten.

 

Die Schlachtlinien, je 10 Schiffe, hatten um 11.40 Uhr Sichtverbindung. Die japanischen Schiffe liefen in einem Winkel in Kiellinie zunächst auf die Spitze des chinesischen Keils zu, dessen Flanken noch in unregelmäßigen Positionen fuhren. Ito, der sich von links her Ting mit doppelter Geschwindigkeit näherte, hatte einen Kurs diagonal zur chinesischen Front. Seine Absicht war, zuerst auf Tings schwache rechte Flanke zu treffen. Diese nicht übliche Annäherung verwirrte die Chinesen; sie eröffneten aus 5400 Meter das Feuer, das aber  wirkungslos war. Die Japaner hielten ihr Feuer zurück, bis sie nahe genug waren, um von den Schnellfeuergeschützen wirkungsvollen Gebrauch zu machen. Sie versenkten zwei kleine Kreuzer auf der rechten Seite der Chinesen, dann dampften sie quer über ihren Bug um die chinesische Flotte herum (auf dem Bild Nr. 1).
 

 

Die Schlacht auf dem Yalu-Fluss

 

Die Schlacht auf dem Yalu-Fluss

 

 

Es war Itos Absicht gewesen, nach Einkreisung der Flanke gegen die chinesische Nachhut zu dampfen. Dies tat sein Gros, das zur Linken der Chinesen aufkam. Aber schnelle  Division von Tsuboi wandte sich zuerst nach Norden, um die vier Verstärkungen von Ting zu jagen, die vom Yalu her kamen, und dann nach Süden um die schwache japanische Nachhut zu unterstützen, die unter chinesisches Feuer gekommen war. Daraus ergab sich, dass die Formation von Ting von zwei Seiten unter Feuer genommen wurde und sich schnell auflöste (auf dem Bild Nr. 2).

Ein chinesischer Kreuzer kollidierte brennend mit einem am linken Flügel abdrehenden weiteren Kreuzer und sank, der andere geriet an einer nahen Insel auf Grund. Zwei schwer beschädigte Schiffe liefen Kurs Südwest nach Port Arthur, zwei weitere chinesischen Kreuzer wurden von den Schlachtschiffen getrennt und vom japanischen Geschwader versenkt, die weit über das Schlachtfeld fuhren und nach Nachzüglern und kampfunfähig geschossenen Schiffen suchten.

Die korrupte chinesische Regierung hatte die Schiffe mit mangelhafter Munition ausgestattet hatte – die Granaten waren zum Teil mit Sägespänen oder Sand gefüllt, – blieben die Chinesen nicht erfolglos. Gegen 14.30 Uhr detonierte ein 30,5-cm-Geschoß in der Munitionskammer auf dem japanischen Flaggschiff, tötete mehr als hundert Mann und setzte das Schiff außer Gefecht. 18.30 Uhr brachen die Gefechte ab, nicht zuletzt, weil die Japaner einen Nachtangriff von chinesischen Torpedobooten befürchteten. Was der japanische Admiral Ito nicht wusste: sein Gegner hatte zu dieser Zeit nur noch drei 30,5-cm-Granaten übrig; diese waren in den Geschützen für eine Schlußsalve geladen.

Die Gegner behielten sich bis zur Dunkelheit in Sicht und verloren dann die Fühlung. Ito, der den Bestimmungsort von Ting falsch eingeschätzt hatte, nahm Kurs auf Weihaiwei. Am nächsten Morgen früh erreichten die vier überlebenden Schiffe der chinesischen Schlachtflotte Port Arthur. Der Mangel an Angriffsgeist bei Ito im letzten Stadium der Schlacht hatte die Japaner den entscheidenden Sieg gekostet. Obgleich die Chinesen mehrere Schiffe verloren hatten und ihre Moral verheerend geschwächt war, kehrten ihre stärksten Einheiten sicher zu ihrem Stützpunkt Port Arthur zurück.

Doch das chinesische Geschwader in Weihaiwei musste vernichtet werden, denn es bedrohte die Flanke des geplanten japanischen Vormarsches auf Peking. Die Schiffe auszuschalten, erforderte mitten in einem besonders strengen Winter mehrere kombinierte Unternehmungen. Solange eine große chinesische Armee die Halbinsel Shantung besetzt hielt, gab es keine Möglichkeit, die Strategie von Port Arthur zu wiederholen. Weihaiwei an der Spitze der Halbinsel konnte nicht eingeschlossen werden. Es mußte frontal oder durch Überrumpelung genommen werden. Das erforderte einen schnellen, genau aufeinander abgestimmten Feldzug.
 

 

Die satirische Zeichnung der Zeitschrift Punch vom 29. September 1894 zeigt

 

Die satirische Zeichnung der Zeitschrift Punch vom 29. September 1894 zeigt
den Sieg des »kleinen« Japan über das »große« China

 

 

Mitte Januar 1895 landete Tsuboi eine Diversions-Streitmacht 70 Meilen westlich von Weihaiwei. Zwei Tage später begann die Hauptinvasions-Armee der Japaner in Stärke von 32 000 Mann und 6000 Pferden mit einer Landung 24 Meilen östlich des Operationszieles. In fünf Tagen war die gesamte Armee mit Verpflegung für 6 Wochen an Land und in raschem Vorgehen auf den chinesischen Stützpunkt. Nach weiteren fünf Tagen, bevor die chinesische Shantung-Armee eingreifen konnte, waren die Japaner über den zugefrorenen Fluss marschiert, nahmen die östlichen Forts und die Zündstelle der Hafen-Minen und entschärften die Sperre, die den östlichen Eingang zum Hafen verschloß. Nach zwei weiteren Kampftagen hatten die Angreifer das gesamte Hafengebiet gesichert. Die Seestreitkräfte von Ito, die draußen die Blockade durchführten, übernahmen jetzt den Angriff. Bei sehr starker Kälte (Matrosen auf den Wachstationen erfroren) führte er nachts eine Reihe von Torpedoboot-Angriffen durch, die ein Schlachtschiff und einen Kreuzer zum Sinken brachten. Admiral Ting befahl den übriggebliebenen Schiffen, einen Ausbruchsversuch zu machen. Nur zweien gelang es, sich in Sicherheit zu bringen, die anderen 13 Einheiten erobert oder auf die Felsen getrieben. In dieser hoffnungslosen Lage vereinbarte Ting am 2. Februar die Übergabe und für seine Besatzungen persönliche Sicherheit, um dann selbst eine tödliche Dosis Opium zu nehmen.
 

Foto und Karte von Weihaiwei, dem Stützpunkt der chinesischen Kriegsmarine. Im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg wurde die Stadt belagert und die Kriegsschiffe, die sich zuvor aus der Seeschlacht bei Yuan retten konnten, wurden am 2. Februar 1895 im Hafen zerstört. Der Befehlshabende Admiral Ting Ruchang beging daraufhin Selbstmord

 

 

Foto und Karte von Weihaiwei, dem Stützpunkt der chinesischen Kriegsmarine. Im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg wurde die Stadt belagert und die Kriegsschiffe, die sich zuvor aus der Seeschlacht bei Yuan retten konnten, wurden am 2. Februar 1895 im Hafen zerstört. Der Befehlshabende Admiral Ting Ruchang beging daraufhin Selbstmord.

 

 

 

 

Zwei Wochen später war die chinesische Mandschurei-Armee entscheidend geschlagen, woraufhin der Vizekönig Li Hung Chang Friedensverhandlungen eröffnete. Der Vertrag von Shimonoseki (17. April 1895) wurde von den Siegern diktiert. Neben der Bezahlung aller Kriegskosten trat China Formosa, die Pescadoren (zwischen Formosa und dem Festland) und Port Arthur an Japan ab.

 

 

 

Die Vorgeschichte des russisch-japanischen Krieges

 

Die Ergebnisse des chinesisch-japanischen Krieges brachten Japan sogleich in einen diplomatischen Konflikt mit Russland, obgleich der eigentliche Krieg erst neun Jahre später ausbrach. Nachdem Russland im Krim-Krieg in seinem Streben nach einem eisfreien Hafen im Süden aufgehalten worden war, hatte es sich nach Ostasien ausgedehnt und im Jahre. 1860 den pazifischen Marinestützpunkt Wladiwostok erworben. Weil der neue Hafen drei Monate lang im Jahr wegen Vereisung nicht benutzbar war, waren die Mandschurei und ihr eisfreier Hafen Port Arthur das lockende Ziel für eine erneute russische Ausdehnung. Aber der Vertrag von Shimonoseki überließ Port Arthur den Japanern. Die russische Reaktion erfolgte schnell und scharf; St. Petersburg sicherte sich die Mitwirkung der französischen und deutschen Regierung für einen diplomatischen Schritt in Tokio mit der Warnung, dass ein japanischer Einmarsch in irgendeinen Teil des chinesischen Festlandes »ein dauerndes Hindernis für den Frieden im Fernen Osten« schaffen würde. Die Japaner fügten sich diesem »Gebot der Humanität«, fuhren aber sogleich fort, ihre Armee zu verdoppeln und die Marine zu verdreifachen.

Während Japan gezwungen war, seine Truppen aus Korea zurückzuziehen und Port Arthur aufzugeben, schob Russland seine Transsibirische Eisenbahn nach Nordasien vor. Im Jahre 1896 räumte China als Gegenleistung für an Japan gegebene Vorteile den Russen das Recht ein, ihre Eisenbahnlinie nach Wladiwostok direkt durch die Mandschurei zu bauen. Im nächsten Jahr pachteten die Russen Port Arthur und schlossen es an die mandschurische Eisenbahn an. Zwei Jahre später nahmen die Russen Port Arthur gänzlich in Besitz und dehnten ihre Herrschaft über die ganze Mandschurei aus. Auch begannen sie auf Korea Einfluß zu nehmen.

Japan, das gezwungen war zuzusehen, wie Russland die Früchte seiner Eroberungen an sich riß, bereitete sich insgeheim auf einen Krieg vor. Während sechs Schlachtschiffe und sechs Panzerkreuzer für Japan in Europa gebaut wurden, erreichte die Diplomatie politische Absicherungen für den Kriegsfall im Fernen Osten. Im Jahre 1902 wurde das englisch-japanische Bündnis geschlossen, das wechselseitige Unterstützung gegen jede Veränderung des Gebietsstandes in China und Korea garantierte. Nun forderte die japanische Regierung die Zurückziehung russischer Truppen aus der Mandschurei, doch wurde das hinausgezögert und die Verhandlungen bis zum Februar 1904 hingeschleppt. Am 6. Februar brach Japan die diplomatischen Beziehungen zu Russland ab.
 

Die satirische Zeichnung der Zeitschrift Punch vom 29. September 1894 zeigt den Sieg des »kleinen« Japan über das »große« China

 

 

Deutsche Karikatur zum Russisch-Japanischen Krieg: Der »russische Bär« möchte die schöne
japanische Geisha erobern. England und dem französischen Verbündeten ist das egal

 

Die Japaner verfügten über nicht halb so viele Truppen wie Russland. Ihre Flotte war zahlenmäßig schwächer, sechs moderne Schlachtschiffe standen gegen fünfzehn russische, 21 Zerstörer gegen 38 russische, dazu kamen allerdings noch japanische Hochsee-Torpedoboote und 25 Kreuzer gegen 19 russische. Russland war wirtschaftlich unabhängig und mit Frankreich verbündet, der damals führenden Finanzkraft des festländischen Europa. Aber Russlands Vorteile an Zahl und Finanzkraft wurden durch die militärische Konzentration Japans auf den strategischen Schwerpunkt mehr als ausgeglichen. Die meisten russischen Truppen standen in Garnisonen westlich der Transsibirischen Eisenbahn. Seine Seestreitkräfte waren auf die Ostsee, das Schwarze Meer und Ostasien verteilt. Die unklare Haltung Großbritanniens hielt die Ostsee-Flotte bis nach Ausbruch des Krieges in Europa fest. Die zweite Flotte war durch den Londoner Vertrag von 1870, der die Dardanellen für fremde Kriegsschiffe verschloß, im Schwarzen Meer eingesperrt, weil die Dardanellen nur von türkischen Kriegsschiffen passiert werden konnte.

 

 

Karte der Dardanellen

 

 

Karte der Dardanellen

 

Der größte Teil des fernöstlichen Geschwaders lag in Port Arthur, aber vier Kreuzer befanden sich in Wladiwostok, und ein Kreuzer und ein Kanonenboot lagen in Incheon in Korea. Die Russen besaßen keinen erstrangigen Marinestützpunkt im Fernen Osten, und die günstige Dockmöglichkeiten gab es nur in dem unbefestigten Handelshafen Dalny, 20 Meilen von Port Arthur entfernt. Andererseits verfügten die Japaner über vier größere Marinestützpunkte, elf große Dockanlagen und Reparatureinrichtungen in ihrem Inselreich. So mußte die japanische Strategie auf schnelle und starke Schläge bedacht sein, die russische dagegen auf Verzögerung, um eine Entscheidung zu Lande und zu Wasser zu vermeiden und Zeit für die Verstärkung seiner militärischen Macht im Fernen Osten zu gewinnen.

 

(Wird fortgesetzt)

 

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