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Die Europäer waren erfolgreich, weil sie häufig nicht als
Eroberer, sondern als Händler kamen, aber auch, weil es an organisiertem
Widerstand fehlte. Indien war in einige Hunderte von Fürstentümern geteilt,
die sich oft gegenseitig befehdeten. Japan litt Jahrhunderte lang unter
Stammeskämpfen. China, das in mancher Hinsicht hochzivilisiert war, konnte
kaum die Kraft aufbringen, um sein eigenes weites Reich zu überwachen.

Ein
japanisches Küstenkriegsschiff aus dem 16. Jahrhundert (Atakebune)
Doch Kriegsflotten und Seekriegführung waren dem Fernen Osten nicht
unbekannt, als die ersten Europäer ankamen. Wie England, so war auch das
insulare Japan früh das Ziel von Kontinentalmächten, die sich über See
auszubreiten versuchten. Im Jahre 1273 und wieder 1279 hatte Kublai Khan von
Korea und China aus versucht, nach Japan einzufallen. Es waren bedeutende
Operationen, an denen von 50 000 bis zu 150 000 Soldaten beteiligt waren.
Die Unternehmung von 1279 erforderte zur Truppenbeförderung das Aufgebot
aller verfügbaren Flotten im chinesischen Reich. Während der mongolischen
Bedrohung gaben die Japaner zeitweise ihren inneren Streit auf, um die
feindlichen Brückenköpfe zu umfassen. Dabei waren sie sehr erfolgreich, auch
dank der schicksalhaften Taifune, die bei beiden Anlässen über die
Landeköpfe hinweg rasten und viele Schiffe der Invasionsflotte zum Sinken
brachten. Seitdem wurde der »Kamikaze«, der Götterwind, ein Teil der
japanischen vaterländischen Tradition.
Als die Japaner unter der strengen Herrschaft des Shogun Hideyoshi vereint
waren, unternahmen sie im Jahre 1592 und danach 1597 Landungen auf dem
Kontinent. Auch später ging der Weg der beabsichtigten Eroberung über Korea,
das man das Flandern von Asien genannt hat. Bei beiden Angriffen überrannten
die Japaner Teile der koreanischen Halbinsel, wurden aber schließlich durch
eine Vereinigung der chinesischen Armee mit der koreanischen Flotte
zurückgeworfen. Die fernöstlichen Flotten bestanden ebenso wie die
christlich-arabischen Flotten in der gleichzeitigen Schlacht von Lepanto
meistens aus Galeeren, die mit leichten Kanonen bestückt waren. Der Seesieg
wurde im Fernen Osten wie im Mittelmeer in den meisten Fällen durch Entern
errungen.

Toyotomi Hideyoshi zeigte in strategischer
und taktischer
Hinsicht Talent
auf dem
Schlachtfeld und besaß ein außerordentlich
hohes
diplomatisches Geschick
Aber im Jahre 1592 rammten sich die Koreaner, geführt von Yi Sun Sin, dem
östlichen Nelson, ihren Weg durch die japanische Linie mit einem
eisengepanzerten Schildkrötenrücken, der Kanonenluken nach vorn hatte. Die
durch diese neue Waffe entstandene Verwirrung ermöglichte es den
herkömmlichen koreanischen Galeeren, sich von den japanischen Entermanövern
freizuhalten, während sich Kanonen und Musketenfeuer und Flammenpfeile auf
die Japaner ergossen.

Modell eines koreanischen Schildkrötenschiffs
Noch unrühmlicher für die Japaner war das Ende ihrer Invasion im Jahre 1597. Yi Sun Sin griff in einem asiatischen Trafalgar, das ihm das Leben kostete,
wütend die zahlenmäßig überlegenen Eindringlinge auf See an und zerstörte
ihre Flotte bis zur Kampfunfähigkeit. Drei Jahrhunderte mußten
verstreichen,
bevor sich eine japanische Flotte wieder in koreanische Gewässer wagte.
Yi Sun Sin,
Statue in Seoul
Nach dem Tode Hideyoshis wandte sich der leidenschaftliche
Nationalismus der vereinigten japanischen Inselgruppen nach innen. Japan
hätte als große Handelsnation mit geographischen Vorteilen ähnlich denen von
England das Großbritannien des Fernen Ostens werden können. Stattdessen zog
es das Shogunat vor, den Handel abzuschrecken und fremden Einfluß jeder Art
auszuschließen. Für 250 Jahre umgab ein Bambusvorhang Japan. Die Westmächte
brachen schließlich durch den japanischen Bambusvorhang und zeigten den
Japanern, die diesmal weit besser für diese Rolle ausgerüstet waren, wieder
den Weg der Eroberung.
Die Westmächte im
Fernen Osten
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte die europäische
Herrschaft im Fernen Osten ein friedliches Gleichgewicht unter den
asiatischen Mächten hergestellt. Zuerst waren die Portugiesen und später die
Franzosen aus dem Fernen Osten vertrieben worden, aber die Engländer hatten
sich in Indien fest niedergelassen, die Holländer besaßen eine
unangefochtene Herrschaft in den ostindischen Gebieten, und die Spanier
regierten ungestört auf den Philippinen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieses Gleichgewicht durch
ein neues militärisches Übergewicht umgeworfen, das dem Westen als Ergebnis
der technischen Fortschritte der industriellen Revolution zuwuchs,
augenfällig durch die dampfgetriebenen Schiffe mit ihren leistungsfähigen
schweren Geschützen. Ferner beeinflusste die wachsende Produktivität im
Westen den bisherigen gleichmäßigen Handelsaustausch mit dem Fernen Osten.
Der steigenden Nachfrage der neuen europäischen Mittelstandsklassen nach Tee
und Seide konnten die fernöstlichen Märkte keine entsprechende
Aufnahmekapazität für westliche Fabrikate anbieten. Die sich selbst
versorgenden Chinesen verlangten im allgemeinen Silber als Bezahlung, bis
ausländische Händler stattdessen indisches Opium und Rohbaumwolle anboten.
Um 1830 betrug die Opiumeinfuhr mehr als die Hälfte der chinesischen Importe
und erschöpfte die Devisenbestände des Landes. Als die Regierung das
Rauschgift verbot, um die Geldknappheit zu beseitigen, brach die erste Krise
zwischen China und den modernen industriellen Seemächten aus.
Was die Westmächte durch Diplomatie nicht hatten erreichen können,
versuchten sie mit Gewalt zu nehmen. Die Engländer führten von 1839 bis 1842
Krieg in China und England und Frankreich vereint von 1856 bis 1858. Diese
Feldzüge zwangen die Chinesen, ihre größeren Häfen für den Handel zu öffnen,
freie Schiffahrt auf dem Yangtse zu erlauben, diplomatische Missionen in
Peking anzuerkennen, ihre Exterritorialität hinzunehmen und Hongkong völlig
an Großbritannien zu überlassen. Die Vereinigten Staaten, die nach den
militärischen Erfolgen der Europäer mit diplomatischen Missionen folgten,
erhielten ähnliche Handelskonzessionen wie die Engländer und Franzosen.
Diese Verträge bestimmten weitgehend die Beziehungen Chinas zu den
westlichen Nationen bis zum Jahre 1945. Sie schwächten aber gleichzeitig die
chinesische Souveränität, und die politische Ohnmacht forderte zu weiteren
Übergriffen heraus, besonders durch Russland und Japan
Obwohl Japan seine selbstgewählte Abschließung dem Westen
gegenüber beibehielt, blieb der drastische Anschauungsunterricht, den die
jüngste Geschichte Chinas bot, nicht unbeachtet. Den Vereinigten Staaten
wollten Zugang zu den japanischen Märkten. Der Erwerb von Kalifornien und
die Entwicklung im Staate Oregon ließen jetzt die Vereinigten Staaten zu
einer Macht am Stillen Ozean werden. Die Vorbereitungen für einen
fahrplanmäßigen transpazifischen Dampferverkehr hingen von der Gewährung von
Dockmöglichkeiten in Japan ab, weil dieses Inselkaiserreich quer vor der
kürzesten Verbindung nach Shanghai lag. Erfolglose amerikanische Versuche,
mit den Japanern diplomatische Beziehungen anzuknüpfen, überzeugten
schließlich den Präsidenten Fillmore, dass hier die Macht der USA
demonstriert werden müsse.
Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlangten westliche
Mächte immer stärker Zugang zu Japan und seinen Märkten, allen voran
Russland,
England und die
USA.
Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu Bauernaufständen, viele Samurai waren
hoch verschuldet. Dem Shogunat entglitt zunehmend die Kontrolle. 1853
landeten amerikanische Schiffe unter Commodore
Matthew Perry in
der
Bucht von Edo, um
beim Shogunat
Konzessionen
und die Öffnung von
Vertragshäfen
zu erreichen.

Matthew Calbraith Perry
Admiral Matthew Calbraith Perry überbrachte dem Shogun einen
persönlichen Brief des Präsidenten, der ihn autorisieren sollte, einen
Vertrag zum Schutz amerikanischen Lebens und Eigentums in Japan und über den
freien Zugang zu einem oder mehreren Häfen »zur Bevorratung und für den
Handel« abzuschließen. Er sollte, wenn nötig, Gewalt anwenden. Aber die
Flotte hatte auch amerikanische Maschinen und anderen industrielle Produkte
als Geschenke an Bord. Das Geschwader, das Perry in die Bucht von Tokyo
führte, bestand aus je zwei Radfregatten und Segelkorvetten. Zum Empfang des
Vertreters des Kaisers, des Prinzen von Idzu, ging Perry mit Gefolge an Land
und übergab zeremoniell den Brief des Präsidenten. Er kündigte an, dass er
im folgenden Frühling zum Empfang der kaiserlichen Erwiderung zurückkommen
werde, ließ die Proteste der Behörden unbeachtet, demonstrierte vor Tokyo
seine Seemacht und dampfte nach China ab.

Die
Flotte Perrys auf einem historischen japanischen Druck
Nach vier Jahren zähen Ringens gab Shogun
Tokugawa Iesada schließlich nach, und es kamen erstmals Handelsbeziehungen
zwischen den USA und Japan zustande. Das Nachgeben des Shoguns führte im
weiteren Verlauf zu starken Widerständen verschiedener Fürstentümer gegen
die Herrschaft der Tokugawa und gegen die ins Land gekommenen Europäer.
Während das Geschwader in China überwinterte, wurde es noch durch eine
Radfregatte und zwei Segelschaluppen verstärkt. Das Erscheinen eines
russischen Geschwaders bei Shanghai trieb Perry dazu, seinen zweiten Besuch
vor Tokyo früher durchzuführen, um die Russen davon abzuhalten, zu ernten,
wo er gesät hatte. Perry überzeugte schließlich die Japaner, dass der
Staatsrat nur zwischen einem Vertrag und dem offenen Krieg zu wählen hätte.
Widerstrebend fügten sich die Japaner in das Unvermeidliche, denn sie
kannten ihre militärische Schwäche. Der am 31. März 1854 abgeschlossene
Vertrag von Kanagawa garantierte den amerikanischen Bürgern Schutz und
sorgte für die Öffnung der Häfen von Shimoda und Hakodate für die
amerikanische Schiffahrt, aber er gab keine Handelskonzessionen.
Perrys festes, aber kluges Auftreten hatte das den Umständen nach
Bestmögliche erreicht. Aber in Japan hatte sich bereits die Erkenntnis
durchgesetzt, dass der auswärtige Handel ein Mittel zur Beschleunigung der
technischen und industriellen Revolution war, der sich Japan zur Sicherung
seiner Unabhängigkeit unterziehen musste. Gegen beide Verträge wandten sich
die japanischen Großfamilien, die alten Feinde des Tenno. Mon, der Herr des
Gebietes von Chosu, ließ auf eigene Faust auf fremde Schiffe feuern, die die
Straße von Shimonoseki zwischen den Inseln Honshu und Kyushu befuhren. Die
Öffnung dieser Durchfahrt konnte nur von drei Nationen in vier
Unternehmungen mit wachsender Stärke in den Jahren 1863 un4 1864 erzwungen
werden. Zuerst griffen die amerikanische Schraubenschaluppe Wyoming, dann
zwei französische Kriegsschiffe, danach sechs englische Kriegsschiffe und
schließlich eine internationale Streitmacht von 17 Schiffen die Schiffe und
Festungswerke von Mon an, bevor sich zu Verhandlungen bequemte.

Japanische Zeichnung der Morrison vor Anker vor
Uraga im Jahre
1837
Das flößte den Familienclans Respekt vor der Seemacht ein. Sie
wollten sich die westliche militärische Technik aneignen. Der Shogun war mit
seinen Anhängern politisch und militärisch nicht mehr in der Lage, diese
Bewegung zu unterdrücken. Die Aufständischen besiegten den Shogun 1868 nach
einem zweijährigen Bürgerkrieg, der als »Meiji-Restauration« in die
Geschichtsbücher einging, und errichteten wieder ein Kaiserreich. Danach
erhielt die Nation mit solcher Schnelligkeit eine westliche Prägung, dass es
die Ausländer in Erstaunen setzte. Zuerst wurden Heer und Marine reformiert.
Die Modernisierung der Flotte war schon vor dem Sturz des Shogunats in
Angriff genommen, und die ersten Werften und Hellinge der Marineanlagen in
Yokosuka waren im Jahre 1865 eingerichtet worden. Offiziere und
Offiziersanwärter wurden in ausländische Marineschulen, vor allem nach
England und den USA geschickt. Seit 1874 beauftragten die Japaner fremde
Werften mit dem Bau von Kriegsschiffen neuester Konstruktion und bemühten
sich, diese nachzubauen und zu verbessern. In den achtziger Jahren waren es
zunächst Kanonenboote, ab 1890 ließen sie Kreuzer vom Stapel laufen, die
ebenso gut waren wie ihre in Europa gebauten Vorbilder.
Die strategischen Probleme, die Japan nach 1870 vor sich sah, glichen in
vieler Hinsicht denen Großbritanniens. Beide waren Inselnationen, den
Kontinenten vorgelagert. Japan war gegenüber Russland und China in einer
gefährlichen Lage, und was Japan am meisten zu fürchten hatte, war Chinas
Aufstieg zur Seemacht und Russlands Suche nach eisfreien Häfen. Strategisch
war Japan durch seine geographische Lage in einer stärkeren Position als
seine Rivalen. Während es aber zahlenmäßig schwächer als jeder seiner
mutmaßlichen Gegner war, konnte keiner von ihnen seine volle Stärke gegen
Japan einsetzen, solange es zur See unbesiegt blieb.

Der
Meiji-Kaiser auf dem Weg von
Kyoto nach
Tokyo,
Ende 1868
Aber die Japaner verfolgten stetig ihre Politik, zuerst eine
defensive Sperre vor der Ostküste Asiens zu errichten und danach die
politische Kontrolle über die Brückenköpfe auszuüben. Der neue
imperialistische Weg zur Herrschaft kündigte sich mit der Annexion der
Bonininseln im Jahre 1876 und der Ryukyu-Inseln drei Jahre später an.
Formosa und die Pescadoren gehörten China, und die Landbrücke Korea war
nominell von ihm abhängig. Sachalin, die nördliche Flanke, war russisch. Um
den beabsichtigten Sperr-Riegel zu vervollständigen, hätte Japan alle diese
Gebiete mit Beschlag belegen müssen. Ihre Erwerbung bedeutete jedoch Krieg
mit beiden Mächten, mit China und Russland. Die japanischen Politiker nahmen
dies als Notwendigkeit hin. Im Jahre 1894 griffen sie zuerst China, das
schwächere der beiden Länder an.

Futami-ko (früher Port Lloyd), das natürliche Hafenbecken auf
Chichi-jima (Bonin-Inseln)

Geographische Lage der Bonin-Inseln
Der
chinesisch-japanische Krieg 1894-1895
Der Vorwand für den Krieg wurde durch einen von Japan geschürten
Aufstand in Seoul, der Hauptstadt von Korea, gegeben. China ließ Truppen zur
Wiederherstellung der Ordnung einrücken, worauf Japan sich auf eine
Vertragsklausel berief, um Truppen in Incheon zu landen. Als die Japaner
nach Seoul vorrückten, setzten sie den koreanischen König mit einer
Marionettenregierung wieder ein und forderten, dass sich die Chinesen von
der Halbinsel zurückzögen. Als China, statt sich dieser Forderung zu
unterwerfen, über See Truppen nach Korea brachte, liefen die schnellen
Kreuzer Akitsushima, Yoshino und Naniwa vom japanischen
Marinestützpunkt Sasebo aus und griffen ohne formale Kriegserklärung den
chinesischen Truppenkonvoi an, versenkten und beschädigten mehrere Kreuzer,
Kanonenboote und Transportschiffe. Japan hatte damit die Praxis eingeführt,
folgenreiche Kriegshandlungen anzuzetteln und den Krieg erst hinterher zu
erklären. Beide Seiten erklärten den Krieg am 1. August 1894.

Karte
von Incheon, zirka 1930
Während der nächsten Wochen war die japanische Flotte hauptsächlich damit
beschäftigt, die Truppen- und Nachschubtransporte nach Korea über Pusan und
Incheon zu decken. Eine kurze Flottendemonstration vor dem Hauptstützpunkt
der chinesischen Nord-Flotte, genügte, um Peking zu schrecken, so dass die
chinesische Flotte in der Nähe des Hafens blieb und alle Truppen über den
langsamen, umständlichen Landweg nach Korea gebracht wurden. Aber schnelle
japanische Vormärsche zwangen China Mitte September, wieder Seetransporte
durchzuführen. Die Überfahrt des ersten Truppenkonvois, von chinesischen
Seestreitkräften begleitet, entging der Aufmerksamkeit der japanischen
Flotte nicht und führte zur Schlacht im Yalu-Fluß im September 1894.
Das Geleit des Transportes unter Führung von Admiral Ting bestand aus einem
der vier chinesischen Provinzgeschwader, dem einzigen, das die chinesische
dezentralisierte Regierung für den koreanischen Krieg bereitgestellt hatte.
Die Hauptstärke des Geschwaders bestand aus zwei langsamen, in Deutschland
gebauten 7400 Tonnen großen Schlachtschiffen. Theoretisch konnten diese
Schiffe gleichzeitig mit allen Geschützen nach vorne, achtern oder querab
feuern, aber praktisch stellte sich heraus, dass sie gemeinsam nur nach vorn
schießen konnten, ohne Sprengschäden an den Aufbauten zu verursachen.
Bei der Ankunft an der Mündung des Yalu-Flusses kommandierte der chinesische
Admiral Ting ein Küstenpanzerschiff und zwei Torpedoboote ab, um die
Transportgruppe den Yalu hinauf zu begleiten und die Ausschiffung zu decken.
Die zehn Schiffe seiner Gefechtslinie lagen vor Anker in der Flussmündung.
Am folgenden Vormittag übten die chinesischen Mannschaften »Klar Schiff zum
Gefecht», als der Ausguck dicke Rauchwolken über See im Südwesten entdeckte.
Es näherte sich die japanische Flotte. Um Platz zum Manövrieren zu haben,
befahl Ting seinen Schiffen, sich auf den Vormarsch gegen den Feind
vorzubereiten. Gegen 11 Uhr vormittags war die Schlachtlinie in Fahrt. Die
vier Schiffe, die die Truppen den Yalu hinaufbegleitet hatten, folgten in
einiger Entfernung achteraus, kamen jedoch nicht mehr heran. Insgesamt
verfügte die chinesische Flotte über 22 ältere schwere Geschütze sowie 20
mittlere ältere Geschütze. Schnellfeuergeschütze besaßen die chinesischen
Schiffe nicht, es waren nur eine Reihe leichter Schnellfeuer- und
Maschinenkanonen an Bord.
Die japanische Flotte, geführt von Admiral Ito, verfügte demgegenüber neben
12 älteren schweren und 24 mittleren Geschützen als schlagkräftigste
Bestückung über nicht weniger als 66 moderne Schnellfeuergeschütze. Sie
waren die wirkungsvollsten Marinegeschütze jener Zeit. Die japanische Flotte
war in 2 Divisionen geteilt. Die 1. fliegende Division unter Konteradmiral
Tsuboi bestand aus 4 modernen schnellen Kreuzern mit mehr als 18 Knoten
Geschwindigkeit und die Hauptmacht oder 2. Division unter Admiral Ito
verfügte über vier Kreuzer und einige kleinere Einheiten.
Die Schlachtlinien, je 10 Schiffe, hatten um 11.40 Uhr
Sichtverbindung. Die japanischen Schiffe liefen in einem Winkel in Kiellinie
zunächst auf die Spitze des chinesischen Keils zu, dessen Flanken noch in
unregelmäßigen Positionen fuhren. Ito, der sich von links her Ting mit
doppelter Geschwindigkeit näherte, hatte einen Kurs diagonal zur
chinesischen Front. Seine Absicht war, zuerst auf Tings schwache rechte
Flanke zu treffen. Diese nicht übliche Annäherung verwirrte die Chinesen;
sie eröffneten aus 5400 Meter das Feuer, das aber wirkungslos war. Die
Japaner hielten ihr Feuer zurück, bis sie nahe genug waren, um von den
Schnellfeuergeschützen wirkungsvollen Gebrauch zu machen. Sie versenkten
zwei kleine Kreuzer auf der rechten Seite der Chinesen, dann dampften sie
quer über ihren Bug um die chinesische Flotte herum (auf dem Bild Nr. 1).

Die
Schlacht auf dem Yalu-Fluss
Es war Itos Absicht gewesen, nach Einkreisung der Flanke gegen
die chinesische Nachhut zu dampfen. Dies tat sein Gros, das zur Linken der
Chinesen aufkam. Aber schnelle Division von Tsuboi wandte sich zuerst nach
Norden, um die vier Verstärkungen von Ting zu jagen, die vom Yalu her kamen,
und dann nach Süden um die schwache japanische Nachhut zu unterstützen, die
unter chinesisches Feuer gekommen war. Daraus ergab sich, dass die Formation
von Ting von zwei Seiten unter Feuer genommen wurde und sich schnell
auflöste (auf dem Bild Nr. 2).
Ein chinesischer Kreuzer kollidierte brennend mit einem am linken Flügel
abdrehenden weiteren Kreuzer und sank, der andere geriet an einer nahen
Insel auf Grund. Zwei schwer beschädigte Schiffe liefen Kurs Südwest nach
Port Arthur, zwei weitere chinesischen Kreuzer wurden von den
Schlachtschiffen getrennt und vom japanischen Geschwader versenkt, die weit
über das Schlachtfeld fuhren und nach Nachzüglern und kampfunfähig
geschossenen Schiffen suchten.
Die korrupte chinesische Regierung hatte die Schiffe mit mangelhafter
Munition ausgestattet hatte – die Granaten waren zum Teil mit Sägespänen
oder Sand gefüllt, – blieben die Chinesen nicht erfolglos. Gegen 14.30 Uhr
detonierte ein 30,5-cm-Geschoß in der Munitionskammer auf dem japanischen
Flaggschiff, tötete mehr als hundert Mann und setzte das Schiff außer
Gefecht. 18.30 Uhr brachen die Gefechte ab, nicht zuletzt, weil die Japaner
einen Nachtangriff von chinesischen Torpedobooten befürchteten. Was der
japanische Admiral Ito nicht wusste: sein Gegner hatte zu dieser Zeit nur
noch drei 30,5-cm-Granaten übrig; diese waren in den Geschützen für eine
Schlußsalve geladen.
Die Gegner behielten sich bis zur Dunkelheit in Sicht und verloren dann die
Fühlung. Ito, der den Bestimmungsort von Ting falsch eingeschätzt hatte,
nahm Kurs auf Weihaiwei. Am nächsten Morgen früh erreichten die vier
überlebenden Schiffe der chinesischen Schlachtflotte Port Arthur. Der Mangel
an Angriffsgeist bei Ito im letzten Stadium der Schlacht hatte die Japaner
den entscheidenden Sieg gekostet. Obgleich die Chinesen mehrere Schiffe
verloren hatten und ihre Moral verheerend geschwächt war, kehrten ihre
stärksten Einheiten sicher zu ihrem Stützpunkt Port Arthur zurück.
Doch das chinesische Geschwader in Weihaiwei musste vernichtet werden, denn
es bedrohte die Flanke des geplanten japanischen Vormarsches auf Peking. Die
Schiffe auszuschalten, erforderte mitten in einem besonders strengen Winter
mehrere kombinierte Unternehmungen. Solange eine große chinesische Armee die
Halbinsel Shantung besetzt hielt, gab es keine Möglichkeit, die Strategie
von Port Arthur zu wiederholen. Weihaiwei an der Spitze der Halbinsel konnte
nicht eingeschlossen werden. Es mußte frontal oder durch Überrumpelung
genommen werden. Das erforderte einen schnellen, genau aufeinander
abgestimmten Feldzug.

Die
satirische Zeichnung der
Zeitschrift Punch
vom 29. September 1894 zeigt
den Sieg des »kleinen« Japan über das »große« China
Mitte Januar 1895 landete Tsuboi eine Diversions-Streitmacht 70
Meilen westlich von Weihaiwei. Zwei Tage später begann die
Hauptinvasions-Armee der Japaner in Stärke von 32 000 Mann und 6000 Pferden
mit einer Landung 24 Meilen östlich des Operationszieles. In fünf Tagen war
die gesamte Armee mit Verpflegung für 6 Wochen an Land und in raschem
Vorgehen auf den chinesischen Stützpunkt. Nach weiteren fünf Tagen, bevor
die chinesische Shantung-Armee eingreifen konnte, waren die Japaner über den
zugefrorenen Fluss marschiert, nahmen die östlichen Forts und die Zündstelle
der Hafen-Minen und entschärften die Sperre, die den östlichen Eingang zum
Hafen verschloß. Nach zwei weiteren Kampftagen hatten die Angreifer das
gesamte Hafengebiet gesichert. Die Seestreitkräfte von Ito, die draußen die
Blockade durchführten, übernahmen jetzt den Angriff. Bei sehr starker Kälte
(Matrosen auf den Wachstationen erfroren) führte er nachts eine Reihe von
Torpedoboot-Angriffen durch, die ein Schlachtschiff und einen Kreuzer zum
Sinken brachten. Admiral Ting befahl den übriggebliebenen Schiffen, einen
Ausbruchsversuch zu machen. Nur zweien gelang es, sich in Sicherheit zu
bringen, die anderen 13 Einheiten erobert oder auf die Felsen getrieben. In
dieser hoffnungslosen Lage vereinbarte Ting am 2. Februar die Übergabe und
für seine Besatzungen persönliche Sicherheit, um dann selbst eine tödliche
Dosis Opium zu nehmen.

Foto
und Karte von Weihaiwei, dem Stützpunkt der chinesischen Kriegsmarine. Im
Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg wurde die
Stadt belagert und die
Kriegsschiffe, die sich
zuvor aus der
Seeschlacht bei Yuan retten konnten, wurden am 2. Februar 1895 im Hafen zerstört. Der
Befehlshabende Admiral
Ting Ruchang beging
daraufhin Selbstmord.

Zwei Wochen später war die chinesische Mandschurei-Armee entscheidend
geschlagen, woraufhin der Vizekönig Li Hung Chang Friedensverhandlungen
eröffnete. Der Vertrag von Shimonoseki (17. April 1895) wurde von den
Siegern diktiert. Neben der Bezahlung aller Kriegskosten trat China Formosa,
die Pescadoren (zwischen Formosa und dem Festland) und Port Arthur an Japan
ab.
Die Vorgeschichte des
russisch-japanischen Krieges
Die Ergebnisse des chinesisch-japanischen Krieges brachten Japan
sogleich in einen diplomatischen Konflikt mit Russland, obgleich der
eigentliche Krieg erst neun Jahre später ausbrach. Nachdem Russland im
Krim-Krieg in seinem Streben nach einem eisfreien Hafen im Süden aufgehalten
worden war, hatte es sich nach Ostasien ausgedehnt und im Jahre. 1860 den
pazifischen Marinestützpunkt Wladiwostok erworben. Weil der neue Hafen drei
Monate lang im Jahr wegen Vereisung nicht benutzbar war, waren die
Mandschurei und ihr eisfreier Hafen Port Arthur das lockende Ziel für eine
erneute russische Ausdehnung. Aber der Vertrag von Shimonoseki überließ Port
Arthur den Japanern. Die russische Reaktion erfolgte schnell und scharf;
St. Petersburg sicherte sich die Mitwirkung der französischen und deutschen
Regierung für einen diplomatischen Schritt in Tokio mit der Warnung, dass
ein japanischer Einmarsch in irgendeinen Teil des chinesischen Festlandes
»ein dauerndes Hindernis für den Frieden im Fernen Osten« schaffen würde.
Die Japaner fügten sich diesem »Gebot der Humanität«, fuhren aber sogleich
fort, ihre Armee zu verdoppeln und die Marine zu verdreifachen.
Während Japan gezwungen war, seine Truppen aus Korea zurückzuziehen und Port
Arthur aufzugeben, schob Russland seine Transsibirische Eisenbahn nach
Nordasien vor. Im Jahre 1896 räumte China als Gegenleistung für an Japan
gegebene Vorteile den Russen das Recht ein, ihre Eisenbahnlinie nach
Wladiwostok direkt durch die Mandschurei zu bauen. Im nächsten Jahr
pachteten die Russen Port Arthur und schlossen es an die mandschurische
Eisenbahn an. Zwei Jahre später nahmen die Russen Port Arthur gänzlich in
Besitz und dehnten ihre Herrschaft über die ganze Mandschurei aus. Auch
begannen sie auf Korea Einfluß zu nehmen.
Japan, das gezwungen war zuzusehen, wie Russland die Früchte seiner
Eroberungen an sich riß, bereitete sich insgeheim auf einen Krieg vor.
Während sechs Schlachtschiffe und sechs Panzerkreuzer für Japan in Europa
gebaut wurden, erreichte die Diplomatie politische Absicherungen für den
Kriegsfall im Fernen Osten. Im Jahre 1902 wurde das englisch-japanische
Bündnis geschlossen, das wechselseitige Unterstützung gegen jede Veränderung
des Gebietsstandes in China und Korea garantierte. Nun forderte die
japanische Regierung die Zurückziehung russischer Truppen aus der
Mandschurei, doch wurde das hinausgezögert und die Verhandlungen bis zum
Februar 1904 hingeschleppt. Am 6. Februar brach Japan die diplomatischen
Beziehungen zu Russland ab.

Deutsche Karikatur zum Russisch-Japanischen Krieg: Der »russische Bär«
möchte die schöne
japanische Geisha erobern. England und dem
französischen Verbündeten ist das egal
Die Japaner verfügten über nicht halb so viele Truppen wie
Russland. Ihre Flotte war zahlenmäßig schwächer, sechs moderne
Schlachtschiffe standen gegen fünfzehn russische, 21 Zerstörer gegen 38
russische, dazu kamen allerdings noch japanische Hochsee-Torpedoboote und 25
Kreuzer gegen 19 russische. Russland war wirtschaftlich unabhängig und mit
Frankreich verbündet, der damals führenden Finanzkraft des festländischen
Europa. Aber Russlands Vorteile an Zahl und Finanzkraft wurden durch die
militärische Konzentration Japans auf den strategischen Schwerpunkt mehr als
ausgeglichen. Die meisten russischen Truppen standen in Garnisonen westlich
der Transsibirischen Eisenbahn. Seine Seestreitkräfte waren auf die Ostsee,
das Schwarze Meer und Ostasien verteilt. Die unklare Haltung Großbritanniens
hielt die Ostsee-Flotte bis nach Ausbruch des Krieges in Europa fest. Die
zweite Flotte war durch den Londoner Vertrag von 1870, der die Dardanellen
für fremde Kriegsschiffe verschloß, im Schwarzen Meer eingesperrt, weil die
Dardanellen nur von türkischen Kriegsschiffen passiert werden konnte.

Karte
der Dardanellen
Der größte Teil des fernöstlichen Geschwaders lag in Port Arthur,
aber vier Kreuzer befanden sich in Wladiwostok, und ein Kreuzer und ein
Kanonenboot lagen in Incheon in Korea. Die Russen besaßen keinen
erstrangigen Marinestützpunkt im Fernen Osten, und die günstige
Dockmöglichkeiten gab es nur in dem unbefestigten Handelshafen Dalny, 20
Meilen von Port Arthur entfernt. Andererseits verfügten die Japaner über
vier größere Marinestützpunkte, elf große Dockanlagen und
Reparatureinrichtungen in ihrem Inselreich. So mußte die japanische
Strategie auf schnelle und starke Schläge bedacht sein, die russische
dagegen auf Verzögerung, um eine Entscheidung zu Lande und zu Wasser zu
vermeiden und Zeit für die Verstärkung seiner militärischen Macht im Fernen
Osten zu gewinnen.
(Wird
fortgesetzt)
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