Homepage       Ausgabe vom 1. Juli 2010

Tradition          

 
 

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32teilige Strichrose auf einer astronomischen Planetenkarte 1587

 

 

 

 

 

Shanties

 

Shanties, in welcher Form auch immer, sind allgemein bekannt. Doch wer weiß schon, dass sie ursprünglich ausschließlich Arbeitslieder waren, die auf den Segelschiffen bei bestimmten Tätigkeiten gesungen wurden. Das ›Shanty‹, wahrscheinlich eine Ableitung des englischen Wortes ›chant‹, Gesang, Melodie, und des französischen ›chanter‹ oder ›chantez‹, singen, singt!, knüpft an die Jahrtausende alten Lieder der Ruderer und auch der Treidler an (deren Geschichte allerdings jünger ist). Es ist ein Kind des schiffbau- und segeltechnischen Fortschritts des 17. und 18. Jahrhunderts.

Bowline, Palstek

Das Lied von der Bowline (Palstek) – »Haul  the Bowline« – kann auf das 17., vielleicht sogar auf das 16. Jahrhundert datiert werden. Die ›Buleine‹ war eine Leine des laufenden Gutes. Sie griff an jeder Seite eines Rahsegels in ungefähr halber Höhe an und diente dazu, auf Am-Wind-Kursen das Luvseitenliek des Segels nach vorn zu holen.

 

Shanties haben viel gemeinsam mit den Liedern, die die Farbigen, vor allem die Baumwollstauer in den Südhäfen der USA, sangen. Manches Lied wurde später als Shanty auf den Tiefwasserseglern heimisch. Auch sie entstanden aus einem Bedürfnis nach Erleichterung der Arbeit. Rhythmischer Gesang erwies sich beispielsweise bei den Rudern als ordnende Kraft und Ansporn zum gemeinsamen Tun.

 

 

Alte Seemannskisten, in denen die Seeleute an Bord ihre Habseligkeiten verstauten.Der monotone Charakter dieser Seemannslieder hat seine Ursache darin, dass sie in erster Linie rhythmisch und erst in zweiter nie melodisch sind. So ist es auch zu verstehen, warum der Text zunächst als nebensächlich angesehen wurde. Erst nach und nach vervoIlkommneten sie sich in Melodik und Textaufbau.

 

 

Alte Seemannskisten, in denen die Seeleute ihre Habseligkeitenan Bord  verstauten.

 

 

Eiserne Disziplin hielt die vielfach an Bord gepressten Matrosen als Besatzung zusammen. Lange Seetörns, aber auch zermürbendes Warten auf Ladung im Hafen, quälten die Männer. Trotz mechanischer Hilfen mussten noch jegliche Arbeiten an oder unter Deck mit Muskelkraft bewältigt werden. Kraft und Gleichtakt vieler Arme waren Vorbedingung für schnelles und effektives Handeln. Um einen gleichen Arbeitsrhythmus zu erreichen, und auch um sich die »Knochenarbeit« zu erleichtern, wurde gesungen – in Form von Shanties.Shantysänger der Thetis-Crew

 

     Hörprobe: Klick hier      (Thetis-Crew, Rapperswil SG, Schweiz)

 

Oh whisky is the life of man.

Chor: Whisky, Johny.

Oh I’ll drink whisky when I can,

Chor: Whisky for my Johny.

 

Oh whisky hot and whisky cold.

Chor: Whisky, Johny.

Oh whisky new and whisky old.

Chor: Oh Whisky for my Johny.

 

Oh Whisky killed my poor old dad.
Chor: Whisky, Johnny!
Oh Whisky drove my mother mad.
Chor: Oh Whisky for my Johny.

 

Oh whisky made me pawn my cloth.
Chor: Whisky, Johny.

Oh whisky gave me this red nose.

Chor: Oh Whisky for my Johny.

 

I thought I heard the old man say:

(Chor) : Whisky, Johny.

Oh whisky for all hands! Belay!

(Chor): Oh Whisky for my Jonny. 

 

 

Die unmittelbare Verbindung zur Arbeit bestimmte die charakteristische Form des Shantys: Ein stimmgewaltiger Vorsänger, der Shantyman, der Strophe für Strophe »aussang« – den Text oft phantasievoll variierend –, und eine sangesfreudige Mannschaft. Es gab für diese Lieder keine feste, gleich bleibende Form, und ein guter Shantyman konnte sich hier neue Variationen einfallen lassen. Die Crew antwortete im Chor auf den Vortrag des Shantyman mit dem fast gleich bleibenden Refrain, der den Takt für die Arbeit angab.

 

Neben den Arbeitsshanties entwickelte sich auch das Spillsanty. Das ›Spill‹ wurde in der Regel von etwa zehn Matrosen mit Hilfe von ›Spillspaken‹ gedreht, und da dies große körperliche Anrengungen erforderte, setzte man bei jedem Schub (das Spill bewegte sich damals ruckweise) gleichzeitig an. Dabei sangen die Matrosen die Spill-Shanties, die zwarZunftbild der Segelmacher, um 1800 einen besonderen Rhythmus hatten, aber wie andere Shanties auch aus Vorgesangs- und Chorpartien bestanden. Eines der bekanntesten Spill-Shanties ist »Around Cape Horn«, dessen Melodie und Text – mit den Zeilen »Blow, boys, blow, for California, oh!« und »on the banks of Sacramento« – um die Welt gingen.

 

 

 

Zunftbild der Segelmacher, um 1800

 

 

 

Die Shanties waren echter, unverfälschter Ausdruck des Lebens und des Denkens und Fühlens der Matrosen in jener Zeit". Sie besaßen soziale Bindekraft, und sie gaben − wie nachstehendes Beispiel zeigt − Erfahrungen und Gedanken, Wünsche und Hoffnungen in seemännisch adäquater Weise wieder:

 

Hörprobe »De Hoffnung...«: Klick hier für die Melodie

 

»De Hoffnung weer hunnert Dag unnerwegs,
To my way, hay, hoday.
Se seil von Hamborg na Valparais,
It's a long time ago.

Kehrreim:
It‘s a long, a long, a long time ago,
To my way, hay, hoday.
It‘s a long, a long, a long time ago,
To my hoday, ho.

2. Se seil so good und se seil so hart,
To my way, hay, hoday.
Se har so'ne goode kostbare Fracht,
It's a long time ago.

Kehrreim:

3. Un as de Ol nu flucht und gnaddert,
To my way, hay, hoday.
Dor keem de Duevel oever de Reeling kladdert,
It's a long time ago.

Kehrreim:

4. Wenn mi in tein Dag na'n Kanal du bringst,
To my way, hay, hoday.
Denn kriggst Du mien Seel, so wohr as du stinkst,
It's a long time ago.

Kehrreim:

5. De Pott leep neegentein Mielen toletzt,
To my way, hay, hoday.
Dor harr de Duevel de Skyseils bisett.
It's a long time ago.

Kehrreim:

6. Un as he nun in'n Kanal keem to Stell,
To my way, hay, hoday.
Dar seeg de Duevel "Nu her mit de Seel.",
It's a long time ago.

Kehrreim:

7. Dar seeg de Ol "Nu lat di man Tied",
To my way, hay, hoday.
"We goht to Anker bi Kap San Patric",
It's a long time ago.

Kehrreim:

8. De Duevel de weer för Freid all ganz weg,
To my way, hay, hoday.
He leep op de Back, sett de Anker op Slip,
It's a long time ago.

Kehrreim:

9. De ole Timmermann har grote Freid,
To my way, hay, hoday.
He har den Duevel sien Steert mit vertaeut,
It's a long time ago.

Kehrreim:

10. Un as den Anker nu suust op den Grund,
To my way, hay, hoday.
Dor suust de Duevel mit, de Swienehund,
It's a long time ago.«

Kehrreim:

 

Kurze Erklärung der Story: Der Kapitän vermacht dem Teufel seine Seele, wenn er den (stürmischen) Nordsee-Kanal in zehn Tagen passieren kann. Als die »Hoffnung« ihr Ziel erreichte, sass der Teufel auf dem Ankerspill und verlangte die Seele des Kapitäns. Aber dem Schiffszimmermann gelang es, den Schwanz des Teufels in der Ankerkette zu vertäuen und den Anker zu versenken. »Und als der Anker saust in den Grund, saust der Teufel mit, dieser Schweinehund.« (Zusammenfassung von Almut Körting.)

 


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