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Halb nackt vor dem Publikum
Der Wirt Josef Grünfinger hatte damals sein Etablissement zum
Amphitheater umgebaut. Er stellte ein Podium auf und verzierte es
mit Zweigen. Unter dem Abzugsrohr installierte er ein offenes
Feuer, schreibt die Autorin Rea Brändle in ihrem Buch «Wildfremd,
hautnah» über die Völkerschauen in Zürich. Die Feuerländer sollten
sich vor den Augen der Zuschauer möglichst natürlich aufführen,
halb nackt am Boden kauern, Pfeile schnitzen und Binsen flechten.
Die zehnköpfige Gruppe stammte aus dem südwestlichen Teil Chiles.
Über verschlungene Wege - ein chilenischer Seehundjäger soll sie
halb verhungert aufgefunden haben – gelangten sie von den
Hermiteninseln am Kap Hoorn über Punta Arenas mit dem Frachtschiff
von Kapitän Schweers nach Hamburg. Dieser versprach sich ein
Geschäft und übergab die Truppe dem Tierhändler Carl Hagenbeck,
der regelmässig Völkerschauen organisierte.
Die Behörden schenkten dem Treiben ebenso wenig Beachtung, wie
sich Hagenbeck für die Identitäten seiner Showtruppe
interessierte. Er gab ihnen die Namen, die sich Kapitän Schweers
auf der langen Reise ausgedacht hatte. Die Männer hiessen Capitano,
Antonio, Pedro und Henrico, die Frauen Trine, Grethe, Liesel,
Linda und Frau Capitano. Die beiden Mädchen wurden Frosch und
Dickkopf genannt. Sieben Monate lang sollten sie durch Europa
touren. Nachdem die Feuerländer-Schau im
Pariser Jardin d'Acclimatation mit einer
halben Million Zuschauern zum Publikumsmagneten avanciert war,
stiegen die Erwartungen von Platten-Wirt Grüninger. Die erste
Vorstellung am 18. Februar 1882 war ausverkauft.
Pedro, Frau Capitano, Antonio, Grehte (v. o. n. u).
(Foto:
Public
Domain)
Die Schädel aufgebohrt
Als die Truppe einen Tag vor der Premiere in Zürich eintraf,
waren alle Mitglieder erkältet oder krank. Henrico hatte starke
Schmerzen, Grethe starb auf dem Weg nach Zürich. Ihre Leiche wurde
in die Anatomische Abteilung der Universität Zürich gebracht,
schreibt Rea Brändle in «Wildfremd, hautnah». Während Henrico im
Kantonsspital gepflegt wurde, mussten die anderen im
Platten-Theater auftreten. Weil die Truppe immer apathischer
wurde, ersann Grüninger Neues, um sein Publikum bei Laune zu
halten: Antonio gab er Pfeil und Bogen, «die schöne Liesel»
behängte er mit Glasperlen, und die Männer liess er Tabakpfeifen
rauchen. Doch den Feuerländern ging es immer schlechter. Grüninger
wollte die Kranken trotzdem auf die Bühne schicken. Der Arzt
Johannes Seitz, der als Nachbar die Lage kannte, schritt ein und
intervenierte erfolgreich beim Polizeivorstand.
Henrico starb am 28. Februar im Kantonsspital. Die offizielle
Todes-ursache hiess Lungenentzündung. Doktor Seitz wusste
allerdings, dass der Mann auch an einer Geschlechtskrankheit litt,
dem «brandigen Schanker». Weitere Nachforschungen des Arztes
ergaben, dass er das Geschwür offenbar von Trine hatte, die
wiederum von einem Europäer angesteckt worden war.
Am 11. März starb Liese, am nächsten Tag Frau Capitano und ihr
Mann. Die drei Leichen wurden seziert. Lieses Geschlechtsteile
kamen nach München zu Professor Bischoff, der nachholen konnte,
was die Frau ihm verweigert hatte. Bischoff wollte sie
untersuchen, als die Völkerschau in München gastierte. Capitanos
Schädel wurden aufgebohrt und im Aufsatz «Zwei
Feuerländer-Gehirne» beschrieben. Die Überlebenden blieben bis zum
22. März in Zürich. Der Presse war das Schicksal der Truppe grösstenteils egal. «Bereits ist einer gestorben.
Selbstverständlich finden die Ausstellungen doch statt, da ein
solcher Fall kein Anlass zu besonderer Trauer ist», schrieb «Die
Limmat».
Grethe mit Dickkopf
(Foto: PD)
Zollikofer trifft heute
(Anm der Redaktion: 12.01.2010) mit den sterblichen Überresten in Chile ein. Die Gebeine werden
nach einem Staatsakt in Anwesenheit von Chiles Staatspräsidentin
Michelle Bachelet in einer rituellen Zeremonie auf einer Insel in
der Magellanstrasse beigesetzt. In Chile löste der Fall ein
enormes Echo aus. Den Stein ins Rollen brachten zwei Journalisten,
die einen Dokumentarfilm über die Feuerländer drehten und in
Europa auf deren Spuren wandelten. Für die Universität ist es die
erste Repatriierung dieser Art. Die Verhandlungen hätten mehr als
ein Jahr lang gedauert und seien nicht einfach gewesen, sagt
Zollikofer. Die Universität bezeichnet die Aktion als Akt der
Menschlichkeit. «Der wissenschaftliche Verlust ist kleiner als der
menschliche Gewinn», sagt Zollikofer.
Feuerländer auf Insel beigesetzt
Die fünf Chilenen, die als Teil einer Völkerschau 1882 in Zürich
starben (Tages-Anzeiger vom 12. 01.), sind in der Magellanstrasse
auf der Insel Karukinka beigesetzt worden. Die sterblichen
Überreste lagerten bisher im Anthropologischen Institut der
Universität Zürich. Professor Christoph Zollikofer hat die Toten
auf ihrer letzten Reise begleitet. Die chilenische Präsidentin
Michelle Bachelet ehrte die Verstorbenen mit einem Staatsakt und
entschuldigte sich im Namen der Nation für das Schicksal der
Repatriierten. «Das ist ein Akt der Wiedergutmachung für die
Behandlung, die den indigenen Völkern widerfahren ist», sagte José
Antonio Viera-Gallo, der sich um die Belange der indianischen
Chilenen kümmert. Nachdem eine Kapelle die Nationalhymne gespielt
hatte, wurden die fünf Toten mit einer Militärmaschine nach Punta
Arenas geflogen. Anschliessend folgte eine sechsstündige
Bootsfahrt zu der vor Feuerland gelegenen Insel Karukinka. Die
Gebeine wurden in einer traditionellen Zeremonie beigesetzt:
einbalsamiert mit Öl und in Häuten von Seelöwen gepackt, umgeben
von einem Bastbehälter. (bg)
*)
Benno Gasser ist Redaktor im «Tages-Anzeiger» in Zürich. Sein
äusserst interessanter, aber auch betroffen machender Artikel
erschien am 12. Januar 2010; der Nachtrag von der Beisetzung am
21. Januar 2010. Die «kompassrosen» bedanken sich für die
Wiedergabeerlaubnis.
(Fotos: PD)
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